Wonach suchst du?

Eine Frau auf einem Fahrrad

Auf Schotterwegen, ohne Autos, nur das Rollen der Reifen im Ohr / © Magdalena Rettenwander

Alleine mit dem Fahrrad über die Vogesen in Frankreich

von Magdalena Rettenwander

Anderswo Autorin Magdalena ist mit dem Fahrrad in 5 Tagen, 500 Kilometern und 4500 Höhenmetern, von Freiburg nach Metz gefahren und nimmt euch mit auf ihre Solo-Bikepacking-Reise.

„Nach 200 m links abbiegen“, mein Navi spricht über meine Kopfhörer mit mir, hinter mir sinkt die Sonne langsam Richtung Horizont, das Licht fällt warm auf die steile Straße vor mir, wird von den Einfamilienhausfenstern reflektiert, und auch die Luft hängt warm zwischen Asphalt und Himmel. Ich bin auf der Suche nach meinem ersten 1nite-tent-Garten in Freiburg, den ich mir für heute als Übernachtungsmöglichkeit herausgesucht habe. Mein Zelt steckt hinter mir in der Gepäcktasche, genauso wie mein restliches Gepäck für die nächsten fünf Tage in meinen Fahrradtaschen verstaut ist. Vorfreude und Neugier machen sich seit Tagen schon in meinem Kopf und meinem Bauch breit: ein bisschen so wie früher, wenn man als Kind um Mitternacht ins Auto steigt, um Richtung Süden zu fahren. Neben der Nervosität kommt noch ein weiteres Gefühl auf, als ich den Hügel zu meinem Schlafplatz hochtrete: Ich bin bereit.

Das Zahlenschloss der Gartentür wieder hinter mir versperrt, treffe ich auf einen weiteren Bike-Packer, der gerade dabei ist, sein Zelt auf der etwas schiefen Wiesenfläche aufzuspannen. Wir kommen schnell ins Gespräch, verbindet uns doch das gleiche Ziel und lustigerweise sogar die gleiche Etappe für den morgigen Tag. „Worauf freust du dich am meisten?“ Darauf finde ich schnell eine Antwort: „Auf das erste Pain au Chocolat in Frankreich natürlich!“

Tag 1: von Freiburg bis Géradmer

Mit der aufgehenden Sonne beginnen auch die Vögel zu zwitschern und singen mich aus meinem Bett, beziehungsweise meiner Isomatte und meinem Schlafsack. Mit Haferflocken und Kaffee gestärkt geht es Richtung französische Grenze. 100 km und 1000 Höhenmeter stehen heute auf dem Programm. Ländergrenzen schweben an solchen Tagen arbiträr zwischen Landschaften und Kulturkreisen, die sich nur kaum voneinander unterscheiden. Viel mehr als auf Schilder und Flaggen achte ich heute auf die Veränderung in der Sprache, den Häusern, der Landschaft. Dass der Rhein hier ganze Staaten voneinander trennt, merke ich trotzdem nur durch die Beschilderung. Und obwohl diese Trennlinie erfunden scheint, freue ich mich trotzdem immer darüber, eine Grenze aus eigener Kraft überfahren zu haben. 

Nach 50 Kilometer in meinem Sattel ist es dann so weit – mein erstes französisches Pain au Chocolat der Reise und es enttäuscht nicht. Auch die Bestellung auf Französisch läuft erstaunlich gut. Ich bin beflügelt, die Höhenmeter können kommen. 

„Salut, wohin geht’s?“, ich hole eine Fahrradfahrerin an einer Ampel ein und komme schnell mit ihr ins Gespräch. Sie ist hier aufgewachsen und auf Besuch bei ihren Eltern. Sie erzählt mir vom Münster-Käse, der am besten auf Flammkuchen schmeckt, gibt mir Tipps für die weitere Route und zieht mich im Windschatten, vom Gegenwind abgeschirmt, immer näher Richtung Bergetappe. „Du musst dann den Col de Schlucht hoch, der Pass ist gar nicht so steil,“ muntert sie mich noch auf, bevor wir dann getrennte Wege fahren. Ob ich ihr das glauben soll, kann ich zu diesem Moment noch nicht abschätzen. 

Das Tal wird immer schmaler, Dörfer uriger, Häuser kleiner und auch die Straße fädelt sich immer enger an den Bergausläufen entlang. Ich fahre an Münster, der Heimat des Käses vorbei und sehe das Schild, das den Pass Col de la Schlucht ankündigt: noch 12 km. In Serpentinen ist die Passstraße in die Vogesen gebaut, Motorradfahrer überholen mich, legen sich steil in die Kurven. Ich trete stetig in die Pedale, esse ein paar getrocknete Mangostreifen, blicke in das Tal unter mir, durch das ich vor ein paar Stunden noch geradelt bin. Gleichzeitig mache ich mir über das Oxymoron des Passes vor mir Gedanken. Wie kann etwas ein „Col“ also ein Pass und eine Schlucht gleichzeitig sein? Gut, dass ich noch gute acht Kilometer Zeit habe, um diesen Widerspruch zu klären. 

Doch mit jedem hinter mich gebrachten Höhenmeter macht mir der zuziehende Himmel mehr Sorgen. Das Plätschern der Wasserfälle am Straßenrand wird immer öfter von durch die Blätter sausende Windböen übertönt. Mal sehen, wie lange das Wetter noch hält. Kehre um Kehre bezwinge ich den Pass, bis ich endlich verstehe, was es mit dem Namen auf sich hat. Eine steile Felswand, die wirklich aussieht wie eine klaffende Schlucht, türmt sich in der letzten Serpentine vor dem Pass vor mir auf. Aber auch der Wind wird stärker und weht mich dabei fast vom Fahrrad. Dann die ersten Tropfen. Schnell packe ich mich am Pass in meine Regenjacke ein und fahre langsam, durch nun strömenden Regen, Finger kalt vom Gegenwind und dem Metall der Bremsen, in Richtung Géradmer, meinem Ziel für heute. Durchgefroren und durchnässt komme ich im Dorf am See an. Für mich ist klar: heute schlafe ich nicht im Zelt. 

Das kleine Zimmer, das ich mir für die Nacht gebucht habe, riecht noch nach Gnocci und Tomatensauce, meine Bike-Packing-Bekanntschaft aus Freiburg und ich sitzen auf der Couch, trinken Bier. „Was hat dir heute am besten gefallen?“, greife ich seine gestrige Frage auf. „Dass es geschüttet hat, kalt war und ich durch 65 km/h Wind diesen Pass hinuntergefahren bin und es trotzdem unglaublich wertschätzen konnte, jetzt in diesem Moment an diesem Ort zu sein.“ 

Tag 2: von Géradmer bis Rambervillers

Im Regen fahre ich am nächsten Morgen dem Col de la Schlucht wieder entgegen, den ich gestern bereits im Regen hinuntergefahren bin. Manche Straßen soll man nicht trocken sehen, manche Aussichten nur erahnen. Ich erahne sie gerne, zwischen den dick grünen Bäumen, die mich wünschen lassen, es gäbe 1000 Namen für Grün: hellgrün, dunkelgrün, blattvollabperlendemregenwassermitreflexionderwolkenbedecktensonnenstrahlensaftigscheinendesgrün – ihr wisst schon. Kalt ist es, ich kann es fühlen. Schön ist es, ich kann es fühlen.

Dann, nach einer kurzen Gravelabfahrt, der Platten. Als ich versuche, den Reifen wieder aufzupumpen, merke ich, dass meine Pumpe nicht aufs Ventil passt. Welch ein Glück, dass ich die Pumpe noch nie ausprobiert habe, denn das bedeutet, dass ich um Hilfe fragen kann. Das Dorf, in dem ich stehe, besteht aus 10 Häusern und einem Kirchturm. Ich laufe die Straße entlang, halte nach Menschen Ausschau und komme dabei an einem kleinen Café vorbei. Der Geruch von holzofengebackenem Teig steigt mir in die Nase, als ich die Türe des kleinen Häuschens öffne, und ich stehe quasi direkt in der Backstube, aus der mich die Bäckerin freundlich anlächelt und mir auf Nachfrage sofort ihre Fahrradpumpe leiht. Zurück an meinem Rad nehme ich das Hinterrad raus, Mantel ab, Schlauch raus. Als ich wieder losfahre, habe ich das Gefühl, als würde mein Laufrad eiern. Ich ignoriere es für ein paar Kilometer, fahre aber dann in Saint-Dié-des-Vosges doch zu einem Decathlon, um mir eine andere Pumpe zu holen.

Vor einer Bäckerei probiere ich mich also aufs Neue an meinem Rad, wo sich auch der Decathlon-Mechaniker in seiner Mittagspause einen Kaffee holt, mich sieht und mir sofort seine Hilfe anbietet. Im Gespräch erzählt er mir, dass er aus Lille komme, aber hier in die Berge gezogen sei, weil er gerne MTB fahre, dass mein Reifen, er wisse es auch nicht genau, aber auf Französisch würde es „müde ist“ heißen.

Nach diesen technischen Pannen ist meine Route jetzt etwas anders, mein Tag viel länger. Aber da ist kein schlechter Gedanke. Dafür mache ich das, für Tage entlang der Straße, für die Aussicht, erahnt oder erfahren, für diese Begegnungen. Aber auch, um nicht irgendwo ankommen zu müssen, sondern – und das lerne ich immer ein bisschen zu spät auf solchen Trips – um unterwegs zu sein, zu sein, um die Welt zu sehen, wie sie ist. Die Bäckerin in ihrer bemehlten Schürze, die die Fahrradpumpe hinter der Tür unter den Stufen hervorholt, die Dame, die mir am Wegrand auf die schmutzverschmierten Finger schaut, mir Hilfe anbietet, mich nach einer dankenden Ablehnung dennoch weiter beobachtet, der Mechaniker aus Lille, der seinen Kaffee dann eben kalt trinkt, die Frau in ihrem grünen VW-Bus, die nach ihrer Ankunft am Camping Municipal in Rambervillers erstmal für eine halbe Stunde ihre Gemüsepflänzchen aus dem Van in die Sonne stellt: „Deswegen mag ich Campen, hier gibt es keine Spießer“, sagt und lacht. Das ist die Welt, diese Begegnungen, die man alleine so viel eher macht, annimmt. Die Welt, die alleine, paradoxerweise, so viel kleiner scheint – greifbar und auf zwei Rädern erfahrbar.

Vögel singen sich in ihre Nester, ein Hund bellt, mein Nachbarshund nebenan ist davon unbeeindruckt. Ich sehe den blauen Himmel aus dem kleinen Schlitz der geöffneten Zelttür, Durchzug, Fenster in die Welt oder auf ein Pizzastück eines Baumes, ein Tausendstel einer Stromleitung, gerahmt vom Himmel.

Tag 3: von Rambervillers bis Lironville

Die Sonne trocknet den Tau der Nacht von meinem Außenzelt, die Welt schläft aber noch, als ich aus meinem Schlafsack krieche. Der Gaskocher zischt, Porridge blubbert, Bialetti zischt, dann das Klicken meiner Schuhe in die Pedale, und ich mache mich auf den Weg. 130 km Gravelparadies von Rambervillers Richtung Lironvill, einem kleinen Dorf mit 131 Einwohnern, stehen heute auf dem Programm. Gegen Mittag fahre ich an einem Schild vorbei, das mir ankündigt, dass ich jetzt im Département Meurthe-et-Moselle angekommen bin. Die letzten Ausläufe der Vogesen werden immer sanfter und legen sich nieder. Geschmeidig rollen hüfthohe Gerste und Weizen über ihre Rücken, roter Mohn schmiegt sich an die starken Hälser der Getreideähren. Aus hügeligen Rücken werden wellige Wälder, Felder, ockerfarbene Landschaftsidylle, durch die ich mich Kilometer für Kilometer hindurchwinde. Meistens habe ich gar keine Zeit, über meine schwerer werdenden Beine nachzudenken. Auch wenn ich mich im Dickicht der Wälder verirre, genieße ich die Natur, die Freiheit und die angenehme Stille auf den abgelegenen Wegen.

Als ich am Bauernhof für die Nacht ankomme, mache ich nicht mehr viel, außer mein Zelt aufzuschlagen und Nudeln zu kochen. Mit meinem vollen Topf auf dem Schoß sitze ich dann in einem Stallverschlag und schaue dem Wind zu, wie er schwere Regenwolken über den Himmel über mir schiebt, sie weiterbläst, die nächsten bringt und kurz vor Sonnenuntergang den Himmel noch einmal blau aufblitzen lässt.

Tag 4: von Lironville bis Metz

Ich suche nach dem Bauern, um für die Nacht zu bezahlen, stattdessen finde ich zwei Kälber im Stall, die mich neugierig mit ihren Riesenaugen anstarren. Als ich Nicolas dann doch finde, lädt er mich ein, die Nacht gehe auf ihn. Freundlichkeiten wie diese beflügeln, machen glücklich, zuversichtlich. Breite Schotterstraßen wälzen sich über getreidegrüne und beige Rücken, zwängen sich durch Wälder, recken sich über Brücken. Ich mich mit. Mohn, so weit das Auge reicht, Wildblumenwiesen. Und da erstreckt er sich vor mir, der Lac de Madine, wie die Adria. Ich erspähe Buchten voller Stiele – aus der Weite; sehe dann Häfen voller Masten – jetzt aus der Nähe. Ich fahre einmal um den See, durch lokale Flohmärkte, vorbei an Entenfamilien. Ich rolle durch südlich anmutende Städte, entlang mittelalterlicher Mauern, Türme, jeder Stein schreit hier: Frankreich. Als ich von den Straßen zurück auf trockene Schotterwege komme, neben denen borstige Stumpen geernteten Getreides emporragen, könnte man wirklich meinen, ich wäre im Süden Frankreichs und der Lac de Madine das Meer. Ich fahre durch hüfthohes Gras, das Leben schenkt mir Blumensträuße aus fliedernen Blüten, Mohn und Margeriten. Die Häuser werden anders, die Farbe der Steine, aus denen die Hausfassaden sind, ändert sich.

In dieser sich bewegenden Kulisse radle ich meinem Endziel entgegen. Als ich die ersten Ausläufe der Stadt erreiche, werde ich aufgeregt. Eine neue Stadt zum ersten Mal zu sehen, ist immer etwas ganz Besonderes, fast so besonders wie die Überquerung einer Ländergrenze. Und Metz enttäuscht nicht. Sanft wird es von der Mosel gespalten, der Charakter der Stadt entsteht durch die Ponts, also Brücken, die das Getrennte wieder verbinden. Im Herzen der Stadt stoße ich auf die Kathedrale, wie klein kann ein Mensch sein? Ich schlendere weiter durch Gassen, die Zeitreisen ermöglichen, beobachte Lichtspiele zwischen Säulen und Fensterläden, versuche, sie mit meiner Handykamera einzufangen. Am Camping Municipal, mein Zelt direkt am Ufer der Mosel aufgeschlagen, koche ich mir meine restlichen Nudeln, mache mir noch einen Minztee und lasse die letzten Tage Revue passieren. Der Start der Reise in Freiburg fühlt sich einerseits wie gestern an, andererseits könnten seitdem auch drei Monate vergangen sein. Ich versuche, alle Erfahrungen mitzunehmen, mich an die Begegnungen zu erinnern und das Gefühl der letzten Tage aufzusaugen.

Das macht Soloreisen mit dem Rad aus: Die Zeit dehnt sich, wird zu mehr als den Zeigern einer Uhr, Sonnenauf- und -untergang rahmen den Tag. In Erinnerung bleibt ein Satz, der mich bis heute nicht loslässt: „Die schönsten Momente sind, wenn es gar nicht am schönsten war, aber man dennoch merkt: Die Welt ist so schön.“ Vielleicht kapseln wir uns immer so sehr vom Schmerz ab, vom Unangenehmen, von dem, was wir als schlecht erachten, dass wir das Gute gar nicht mehr sehen. Abgepackter Einheitsbrei, monoton, gleichgültig, Ablaufdatum siehe Dosendeckel. Wir rasen von einem Ort zum anderen, mit dem Ziel, endlich anzukommen. Aber selbst wenn es schüttet, es 8 Grad hat, 65 km/h Wind einen vom Rad wehen, die Fahrradpumpe nicht passt, der Reifen nicht richtig auf die Felge springen will: Man darf da sein, nimmt sich diese Zeit für sich, die Bäume strotzen trotzdem nur so von Grün, singen unter prasselnden Tropfen. Zufriedensein ist eben keine Destination, sondern unterwegs bereits angekommen zu sein. Das ist das Ziel von Slow Travel.

Heimreise

Am fünften Tag meiner Reise geht es für mich noch 70 Kilometer mit dem Fahrrad nach Luxemburg Stadt, von wo aus man mit Regionalzug und Deutschlandticket zurück nach Bonn bzw. Köln kommt. In Luxemburg sind öffentliche Verkehrsmittel und sogar die Fahrradmitnahme im Zug kostenlos. Das erleichtert die Rückfahrt mit dem Zug. 

Die Route

1. Etappe: Von Freiburg bis Géradmer →  über Colmar 100km und 1000 Höhenmeter, meist über asphaltierte Straßen

2. Etappe: Von Géradmer bis Rambervilles → 90km und 1500 Höhenmeter, meist über Asphalt, aber viele Möglichkeiten auf Schotterwege auszuweichen 

3. Etappe: Von Rambervilles nach Lironville (Aire du Sugnon) → 130 km und 1000 Höhenmeter durch den Nationalpark Lorraine und meist über Schotterwege bzw. Singletracks im Wald 

4. Etappe: Von Lironville bis Metz → 90 km und 1000 Höhenmeter meist über Schotterwege, Waldwege und Feldwege 

5. Etappe: Metz bis Luxemburg → 70 km und 500 Höhenmeter meist über Asphalt, aber Ausweichmöglichkeiten auf Schotter und Waldwege; schöner Radweg entlang der Mosel

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