Wonach suchst du?

Gourmetküche ohne Glamour: Warum Jeremias Riezler lieber auf Geschmack als auf Showeffekte setzt. / © Vorarlberg Tourismus/Angela Lamprecht

"Alpine Aromen sind die DNA der Region" – Kochen, was die Berge hergeben

von Katharina Garus

Die Walserstuba im Kleinwalsertal wurde als erstes Restaurant Österreichs mit der Grünen Haube ausgezeichnet. Dann auch mit dem Grünen Stern. Ein Gespräch mit Küchenchef Jeremias Riezler über alpine Aromen, ehrliche Küche und die Kunst, aus Enzian Parfum zu machen.

Anderswo: Jeremias, 2024 wart ihr das erste Restaurant in Österreich mit Grüner Haube, jetzt kam der Grüne Stern dazu. Was reizt dich an der Gourmetküche? 

Jeremias Riezler: Der Begriff „Gourmetküche“ passt nicht zu uns. Wir sind bodenständiger. Ich bin kein Pinzettenkoch, male keine Tellergemälde – bei uns zählt Geschmack. Es gibt zum Beispiel einen Krustenbraten – aber in High-End-Qualität. Bei uns gibt es auch nicht die üblichen Zutaten vieler Gourmetrestaurants: keine Jakobsmuscheln, keinen Seefisch, keinen Trüffel, keine Gänseleber. Wir arbeiten ausschließlich mit heimischen Lebensmitteln. Das spiegelt Region und Heimat wider. Und unser Warenkorb vor Ort ist genial! Die Kunst liegt darin, mit weniger Vielfalt Besonderes herauszukitzeln. Den „einfachen“ Weg – alles per Express aus aller Welt – brauche ich nicht.

Geschmack regionaler Produkte statt Exotik, die keine ist

Erwartet mancher Gast in einem Sternerestaurant nicht ein bisschen Schickimicki? 

Die Herausforderung ist eher, Zutaten aufzuspüren – oft direkt aus der Natur –, die die Leute noch nie gegessen haben. Wir wollen den Wow-Effekt: „Das habe ich zum ersten Mal im Leben probiert.“ Beispiel Fichtentriebe: Die wachsen vor der Haustür und sind für uns seit 30 Jahren Standard – aber exotischer als Ananas, weil diese Exoten jeder kennt. Dazu kommen Kräuter, Wildpflanzen, Wurzeln wie Enzian – das kennen die wenigsten. Diese alpinen Aromen  sind die DNA der Region.

Wie wird aus Enzian ein Gericht? 

Enzian wird als Schnaps destilliert – der hat eine erdige, mineralische Aromatik. Am Ende ist es manchmal nur ein Sprühstoß aus dem Zerstäuber – wie Parfum –, der dem Gericht eine zusätzliche Ebene gibt. Zum Beispiel dem Wildfang vom Bodensee. Dazu ein Wein mit entsprechender Mineralik – so entsteht Harmonie. Solche Aromen luchst du Zutaten nur mit Arbeit, Zeit und Sturheit ab.

Kulinarische Hommage an die Alpen

Erzähl bitte vom „Kulinarischen Bergabenteuer“. 

Wir starten hinter dem Haus zu einer Bergtour. Entlang des Wegs servieren wir das, was die Landschaft prägt: In der Talsohle gibt’s etwas von unseren eigenen Schweinen. Auf der Alpe Käse. Im Bergwald Pilze, Preiselbeeren, Waldfrüchte. Oben, mit Blick auf den Bodensee, folgt der Fischgang: Bodenseefisch, Safran aus Vorarlberg, Buchweizen vom deutschen Bodenseeufer – alle Zutaten sind von dort sichtbar. Zum Schluss, in der oberen Höhenlage, gibt’s Steinbock oder Gams – geliefert von meinem Cousin und zwei weiteren Jägern. Für viele Gäste ist das das erste Mal im Leben – und sie kommen dafür wieder.

Ihr arbeitet nicht nur konsequent lokal, sondern auch „Nose to Tail“. Auf der Karte steht auch Bluteis!? 

Stell’s dir vor wie eine süße Blutwurst. Die Eier in der Eisgrundmasse ersetzen wir durch Blut und arbeiten mit Gewürzen – zum Beispiel viel Majoran. Das ist klassische Blutwurstaromatik. Ich erfinde nichts neu, ich belebe Traditionen und kitzle Neues heraus. Vor 20 Jahren habe ich schon „Blutschmarren“ gekocht – damals wollte das niemand. Heute, dank Nose-to-Tail-Bewegung und mehr Bewusstsein funktioniert es.

Mehr Informationen zur Walserstuba in Riezlern

Ausgezeichnete Küche

Die Walserstuba im Kleinwalsertal wurde sowohl mit der grünen Haube als auch mit dem Grünen Stern ausgezeichnet – eine Anerkennung für herausragende Nachhaltigkeit in der Gastronomie. Die Auszeichnung würdigt Betriebe, die besonders verantwortungsvoll mit Ressourcen umgehen, auf regionale und saisonale Produkte setzen und faire Beziehungen zu ihren Produzent*innen pflegen. Küchenchef Michael und sein Team zeigen, dass Genuss, Handwerk und ökologische Verantwortung perfekt zusammenpassen.

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