© Regine Gwinner

Eine Wanderung durchs Maira-Tal im Piemont

Alte Wege und schöne Alberghi in den piemontesischen Westalpen

Drei Wahlberechtigte gibt es noch in dem Ortsteil von Marmora, in dem Monica lebt. Monica, ihre Schwester und Monicas Ex-Partner, der aber nach der Trennung längst weggezogen ist. 26 Wahlberechtigte sind es in Marmora insgesamt. Aber wer weiß, wie viele davon überhaupt noch da sind. Das Hauptproblem des kleinen Ortes im Maira-Tal in den Bergen Piemonts ist die Abwanderung. Monica bleibt und betreibt den kleinen Hof, der schon seit Generationen von ihrer Familie bewirtschaftet wurde. Als Nebenverdienst vermietet sie Gästezimmer und bekocht ihre Gäste mit den Produkten, die sie selbst oder ihre Freunde in der Umgebung anbauen.

Mit uns Wanderern, die wir auf unserer Tour durchs Maira-Tal hier Zwischenstation machen, sitzen heute ein junges italienisches Paar und ein italienischer Auswanderer auf Heimaturlaub am großen Esstisch. Die Unterhaltung wechselt zwischen Englisch, Französisch und Italienisch hin und her. Monica ruft ihre Antworten aus der Küche. Ihre Schwester serviert, kommentiert, erzählt Witze und zaubert ganz nebenbei immer neue Gänge und immer neue Weinflaschen auf den Tisch. Zwei Wahlberechtigte können ganz schön viel Leben in so einen kleinen Weiler bringen.

Wandern rundum sorglos

Tagsüber in einsamer Gebirgslandschaft wandern, abends in ursprünglichen Dörfern einen Schlafplatz und ein gutes Essen finden. So könnte man die Idee vom Wandern im Maira-Tal auf den Punkt bringen. Vor über 20 Jahren hat sich eine Gruppe von Gastwirten im Tal zusammengetan, um mit diesem Konzept Gäste ins Tal zu bringen und den umsatzschwachen Betrieben ein Zubrot zu schaffen. Immer weniger Menschen im Tal – das bedeutete verfallende Dörfer und Umsatzrückgänge für die Dorfgasthöfe.

Letztendlich war es ein Österreicher, der den Anstoß zur Kooperation gab. Andrea Schneider hatte mit seiner Partnerin Maria den kleinen Weiler San Martino imTal gekauft und sich mit dem alten Wegenetz beschäftigt, das die auf allen Höhenlagen übers ganze Tal verstreuten Höfe und Dörfer einmal verbunden hatte. Die alten Wege so wiederherzustellen, dass sie als Wanderwegenetz für Gäste genutzt werden konnten, entwickelte sich – neben der mühevollen Wiederherstellung der wunderschönen Steinhäuser in San Martino – zu seiner Leidenschaft.

Er erkannte auch das Potenzial, das der Wandertourismus für die Wiederbelebung der Region darstellte. Und er hatte die nötige Begeisterungsfähigkeit, um die resignierten Menschen im Tal mitzureißen. Seine Idee: mit einem Rundumsorglos-Service für Tourenwanderer und dem Flair der Ursprünglichkeit, Alpinisten aus den überlaufenen Alpenregionen in diese bezaubernde und von der Welt vergessene Ecke Italiens zu locken.

Wer heute hier wandert, trifft Familien, Wandergruppen und Mountainbiker. Aus einer Hand voll einfacher Unterkünfte hat sich ein diverses Angebot an Hotels, Gasthöfen und Privatzimmern entwickelt. Über die Jahre hat sich der Service für die Wanderer laufend verbessert: Es gibt eine deutschsprachige Beratung und Service-Hotline vor Ort, die Wanderung ist als Komplettpaket in unterschiedlichen Längen buchbar, wer möchte, kann auch das Gepäck von Unterkunft zu Unterkunft transportieren lassen oder mal eine Etappe mit dem Shuttle fahren, wenn das Knie schmerzt oder das Wetter nicht mitspielt. Frühstück und Abendessen gibt es in den Unterkünften, für unterwegs gibt es jeden Morgen eine wiederbefüllbare Lunchbox mit belegten Broten, Obst und Keksen. Und vor allem: Es gibt ein hervorragend beschildertes und gepflegtes Wegenetz mit vielen Variationsmöglichkeiten von einfach bis hochalpin.

Alpenquerung auf dem GTA

Die Wege stammen aus Zeiten, als es im Tal noch keine Straße und schon gar keine Autos gab. Die Bergdörfer waren über ein gut gepflegtes Wegenetz verbunden, das auch in die Nachbartäler und über die hohen Pässe nach Frankreich reichte. Zum Teil gehören sie zu den Grande Traversata delle Alpi (GTA), einer historischen Alpenquerungsroute, die von der Schweiz bis ans Mittelmeer führt. Da auf diesen früher für den Handel genutzten großen Alpentraversalen auch Last- und Weidetiere unterwegs waren, sind die Wege nie steil, eng oder ausgesetzt. Trotz der erheblichen Höhenunterschiede wandert es sich unangestrengt. Oft sind die Wege so gewählt, dass sie durch lichte Laubwälder oder verwunschene Bergwälder führen. Das ist vor allem im Hochsommer angenehm, wenn es im Tal richtig heiß werden kann.

Menschen im Maira-Tal

„Im Mai und Juni ist die schönste Zeit zum Wandern, da ist das ganze Tal ein einziges Blütenmeer“, sagt Maria, die nach dem Tod ihres Mannes geblieben ist und ihr „Centro Culturale“ in San Martino weiterbetreibt. Glockenblumen, Alpenmohn, wilde Tulpen, Enzian: Wo der Laie einfach nur im Blütenrausch von Fotomotiv zu Fotomotiv eilt, erkennt der botanisch geschulte Wanderer eine Fülle einzigartiger Alpenblumen, die nur hier – zwischen Mittelmeer- und Gletschereinflüssen – gedeihen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Gastgebern leben Monica und Maria das ganze Jahr über hier im Maira-Tal – im Sommer wie im Winter. Sie lieben das Leben in den Bergen, auch wenn es im Winter sehr einsam werden kann. „Aber wenn die Häuser nur als Ferienunterkünfte genutzt werden und die Gasthöfe im Herbst schließen, dann entsteht kein Leben im Tal“, erklärt Maria. „Sommergästen bringen keine stabilen Arbeitsplätze, die es für die Menschen attraktiv machen würden, sich hier wieder anzusiedeln.“

In Marias Dorf leben inzwischen wieder vier Menschen ganzjährig. Damit ist das Tal, das zu den am stärksten von Landflucht und Abwanderung betroffenen Regionen des Alpenraums und ganz Italiens zählt, noch nicht gerettet. Aber wer, wenn nicht die Menschen im Maira-Tal wissen, wie viel Leben vier Menschen in eine schon fast ausgestorbene Region bringen können.

Mehr Informationen

Bei ReNatour kann eine Wanderung im Maira-Tal in unterschiedlichen Längen als Pauschale gebucht werden.

Übernachten bei Monica: Auf dem Öko-Hof Lou Bià bietet Monica vier schöne Zimmer mit köstlicher Verpflegung an. Außerdem kann man Kurse belegen oder mitarbeiten.

Übernachten bei Maria: Das Borgata San Martino ist nach der Idee der Alberghi Diffusi aufgebaut: In den einzelnen Häusern gibt es Ferienwohnungen, Privatzimmer und Schlafsäle für Gruppen. Die kleine Teeküche, Terrasse und Garten und der schöne Speisesaal sind übers Dorf verteilt und werden von allen Gästen gemeinsam genutzt. 

Die Idee der Alberghi Diffusi in Italien ist interessant, denn hier ist die ganze Stadt das Hotel.

Für die Reiseplanung

Die Anreise per Bahn ins Maira-Tal führt über Cuneo. Hier lohnt sich ein Zwischenstop, um abends auf der großen Promenade zu sitzen, sich mit piemontesischen Antipasti verwöhnen zu lassen und dem entspannten Treiben der Cuneserinnen und Cuneser zuzuschauen.

Von Cuneo aus gibt es eine regelmäßige Busverbindung ins Maira-Tal. Tickets beim Busfahrer.

Mehr zur Bahnanreise nach Italien unter https://www.wirsindanderswo.de/anreise/detail/beitrag/italien/

Weitere Infos

Die Grande Traversata delle Alpi (GTA) ist ein Fernwanderweg in Piemont,
der von der schweizerisch-italienischen Grenze parallel zum Alpenhauptkamm nach Süden verläuft und in Ventimiglia am Mittelmeer endet.
Die GTA durchquert den gesamten italienischen Westalpenbogen und verbindet unterschiedliche Natur- und Kulturräume. Folgende Er führt durch unterschiedliche Gebirgsgruppen: Walliser Alpen, Grajische Alpen, Cottische Alpen, Seealpen und Ligurische Alpen.