Die Anderswo-Autorin Heidi Witzmann suchte die Einsamkeit und ganz viel Natur. Beides – und noch viel mehr – fand sie auf dem Baltic Forest Trail, der sich über 1000 Kilometer durch Estland und Lettland zieht. Für Anderswo hat sie ihre Erlebnisse aufgeschrieben:
Warmes, sonnengelbes Licht durchflutet mein Zelt – und weckt mich, wie so oft in den letzten Wochen, viel zu früh. Doch wenn es erst einmal hell ist, hält es mich nicht mehr lange im kuscheligen Schlafsack, dann zieht es mich raus, Müdigkeit hin oder her. Jeden Morgen an einem anderen Ort, jeden Morgen in einer anderen Stimmung. Als ich die Zeltplane zurückschlage und in die Wanderstiefel schlüpfe, tropft mir eine Mischung aus Tau und Kondenswasser unsanft in den Nacken. Mein missmutiges Grummeln darüber verstummt rasch: Vor mir liegt einer der zahlreichen zauberhaften estnischen Waldseen, von dem nach heftigen Regenfällen gestern Abend leichter Nebel aufsteigt. Glücklich krieche ich endgültig aus meiner ultraleichten grünen Behausung und starte voller Vorfreude in einen neuen Wandertag.
Auf 1.060 Kilometern führt der Baltic Forest Trail von Tallinn nach Riga. Er durchstreift die waldreichsten Gebiete der beiden nördlichen baltischen Staaten Estland und Lettland, führt vorbei an Seen und Flüssen und durch Moore und jede Menge tiefe Wälder. „Das ist dein Trail“, strahlte meine Freundin Antje mich vor gut einem Jahr an und drückte mir eine schicke moosgrüne Broschüre in die Hand. Gerade war sie von einem Roadtrip durchs Baltikum zurückgekommen – und hörte gar nicht mehr auf zu schwärmen: von Zeltplätzen inmitten wunderschöner Natur und von Tierbeobachtungen, wie sie in Deutschland kaum möglich sind.
Wilde Natur, Wälder, Seen und absolute Einsamkeit: Was für andere einschüchternd wirken könnte, klang für mich rundum verlockend. Schnell war klar: Mein Sommerprojekt 2022 würde mich nach Estland und Lettland führen und mich zur ersten Weitwanderung meines Lebens herausfordern.
Im jüngsten Nationalpark Estlands unterwegs
Etwas Blaues blitzt neben mir auf – und verschwindet flatternd irgendwo weiter hinten im Wald. War es ein großer Schillerfalter? Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Schmetterlinge gesehen wie hier! Manchmal komme ich beim Wandern kaum voran, weil ich mich ständig zur Vegetation bücken und einen Falter mustern muss. Nach zwei Wochen auf Straßen und Pfaden entlang der Küste habe ich vor wenigen Tagen den Alutaguse-Nationalpark erreicht, den jüngsten Nationalpark Estlands im Nordosten des Landes. Sandige Wurzelwege führen durch hügelige Kiefernwälder, der Waldboden ist bedeckt mit Zwergsträuchern aus Heidel– und Preiselbeeren. Dazwischen winzige Walderdbeeren mit dem intensivsten Aroma, das man sich vorstellen kann. Zwischen den Bäumen schimmert das Blau des nächsten kleinen Waldsees. Fluffige Wollgras-Puschel zieren den torfigen Uferstreifen. Als ein Rastplatz in Sicht kommt – wie immer bestens gepflegt und menschenleer – schlüpfe ich schnell aus meiner verschwitzten Wanderhose. Eine Badepause kommt zur Mittagszeit gerade recht. Während ich danach im Halbschatten am Ufer liege und in die weißen Wolken schaue, denke ich an die Erlebnisse des gestrigen Tages. Kommt die Gänsehaut auf meinen Unterarmen vom leichten Wind über dem See oder von den lebendigen Erinnerungen an die Erlebnisse in der Bärenhütte?
Bären beobachten
„Manchmal tauchen die Bären unmittelbar auf, wenn wir die Hütten bezogen haben. Meistens aber gegen 20 Uhr“, hat die Expertin von NaTourEst bei ihrer kurzen Einführung in das „Abenteuer Bärenbeobachtung“ erzählt. Konzentriert suche ich mit dem Fernglas den Waldrand vor mir ab und schaue skeptisch auf das Display meines Handys: Es ist 21:20 Uhr und das Tageslicht schwindet allmählich. Geduldig lehne ich mich im Stuhl der geräumigen Beobachtungshütte zurück, die NaTourEst als Organisation für Naturerlebnis-Touren in den dichten Wäldern des Alutaguse-Nationalparks betreibt. Die Hütte ist so angelegt, dass die Beobachtenden zwar die Bären sehen, diese aber völlig ungestört von den Menschen bleiben. Das Ziel dieser und ähnlicher Beobachtungsstationen: mehr über die Tiere, ihre Gewohnheiten und Lebensräume zu vermitteln und so die Motivation für den Tier- und Naturschutz zu erhöhen.
Einen Abend, eine Nacht und einen Morgen beobachte ich – und lausche den Geräuschen der Natur. Über die Außenmikrofone hallt das Summen einer Biene oder das Flattern einer Kohlmeise im Inneren der Hütte wider. Ich ertappe mich dabei, wie ich gähne und sehnsuchtsvoll zur weichen Matratze auf dem Stockbett hinüber schiele. Doch der Anflug von Müdigkeit vergeht schlagartig, als meine Hüttenpartnerin Nico gedämpft von der anderen Seite der Hütte ruft: „Heidi! Komm schnell, er ist hier drüben!“ Und tatsächlich! Direkt auf die Hütte zu zieht ein riesiger und dennoch irgendwie plüschig anmutender Braunbär. Mit seiner feinen Nase schnuppert er, ob die Luft rein ist, und fühlt sich sichtlich wohl auf der Waldlichtung. Mal kratzt er sich in typischer Bärenmanier mit dem Hinterteil am nächsten Baumstamm, dann legt er sich unvermittelt ins hohe Gras und kaut geräuschvoll an einer Wurzel. Die lustigsten Geräusche gibt er beim Trinken von sich. Ich hatte keine Ahnung, dass Bären derart schlabbern, schlürfen und schmatzen!
Zwei Stunden lang haben wir das Vergnügen, diesen beeindruckenden Bären beobachten zu dürfen. In der Dunkelheit der Nacht verschwindet er irgendwann so plötzlich, wie er aufgetaucht ist. Spätestens jetzt weiß ich, dass meine anfänglich ab und an aufflackernde Sorge, mich könnte auf meiner Wanderung nachts ein Bär heimsuchen, völlig unbegründet war. Zwar gibt es in Estland mehr als 600 Braunbären, doch sind sie sehr scheu und machen dank ihres exzellenten Geruchssinns einen großen Bogen um Orte mit menschlichen Duftnoten. Einen Bären zu sehen, ist also ein Glücksfall. Für mich ist mit der Nacht in der Bärenhütte ein Traum in Erfüllung gegangen.
Wilde Flusstäler im Südosten Estlands
Im Südosten Estlands zeigt sich der Trail von einer besonders reizvollen Seite: In wenigen Tagen durchwandere ich nicht nur wilde Flusstäler in der Region Setomaa und erklimme im hügeligen Haanja Upland den mit 318 Metern höchsten Berg Estlands, sondern tauche so tief in Geschichte, Kultur und Tradition ein wie nirgendwo sonst auf meiner Reise.
Nachdem ich über lange Wegstrecken keinem anderen Wanderer begegnet bin und die Einsamkeit in der Natur sehr genossen habe, freue ich mich nun doch über Kontakte und Begegnungen. Besonders beeindruckt mich ein Erlebnis in Obinitsa, dem kulturellen Zentrum der ethnischen Minderheit der Seto-Bevölkerung in Estland. Vor einem grünen Holzhaus mit der Aufschrift „Kunstgalerie“ sitzt eine ältere Frau in Tracht gekleidet vor einer Wanne und putzt Blaubeeren. Auf meine Frage, ob ich ihre Galerie besuchen könne, springt sie emsig auf und gibt mir sofort eine Führung. Ihr Haus mit einer eindrucksvollen Sammlung farbenprächtiger Stoffe und einer Ausstellung mit handgefertigtem Silberschmuck, der für die traditionelle Kleidung der Frauen typisch ist, erzählt die Geschichte ihrer Familie und zeugt vom Stolz auf die eigene kulturelle Identität.

















