© Michaela Mohrhardt

Berge für Beginner

Im alpinen Selbstversuch unterwegs auf dem Alpe-Adria-Trail

Orientierungsprobleme im Hotelflur, links oder rechts oder ging es doch nochmal die Treppe hoch zum Zimmer? Meine Begleiterin schaut mich zweifelnd an. Nachdem ich vor dem Aufbruch zur Alpenquerung mit meiner Bergerfahrung und meinen Orientierungskünsten geprahlt habe, verspiele ich jetzt – kurz vor Start unserer großen Tour – meine Glaubwürdigkeit. Es muss am verwinkelten Hotel liegen oder daran, dass es hier keine Wegweisung und keinen GPS-Track gibt.

Was ich mitgenommen habe von vielen vorhergehenden Bergtouren: Wer sich ins Hochgebirge begibt, sollte ein paar wichtige Sicherheitsregeln beachten. Zum Beispiel: nicht planlos herumirren, seine Kräfte richtig einschätzen, das Wetter im Blick behalten, ausgerüstet sein gegen Kälte und Regen und genug zu essen und zu trinken dabeihaben.

Abenteuer Alpenfernwanderung

Als wir am nächsten Tag endlich die Rucksäcke schultern und uns aufmachen zu unserer ersten Etappe auf dem Alpe-Adria-Trail, gewinne ich meine Souveränität schnell zurück – zumindest vorübergehend. Der kleine rote Punkt auf dem Handydisplay folgt brav der Wegeführung. Immer wieder entdecken wir das Trail-Logo an Wegweisern, Bäumen und Zäunen. Geht doch! Dieser Weg ist gemacht für Menschen wie uns, die die Berge lieben und sportlich wandern möchten, aber nicht von klein auf im Alpenverein sozialisiert wurden.

Das Abenteuer Alpenfernwanderung kann starten. „Heute haben Sie ja eine kurze Etappe“, sagt unser Gastgeber in Mallnitz, als wir uns auf den Weg machen. Da ist sie schon, die zweite Herausforderung der alpinen Fernwanderung! In meinem normalen Wanderleben sind sechseinhalb Stunden Gehzeit eine ganze Menge. Wie werden die langen Etappen aussehen, wenn die kurzen schon unsere ganze Kondition fordern? Wir setzen auf den Trainingseffekt und vergessen erst mal alle Sorgen um Orientierung und Durchhaltevermögen, weil die Landschaft so schön ist. Der abnehmende Mond steht hoch über dem Gebirgskamm am Morgenhimmel. Wir steigen mitten im Nationalpark Hohe Tauern in die Wanderung ein und genießen die klare Luft und den Blick auf die Gipfel um uns herum.

Der Weg führt erst bergauf zum Stappitzer See und dann durch mehrere steile Schluchten wieder bergab ins Tal. Für Ende September ist es noch überraschend warm und sehr einsam. Die Tagesausflügler haben wir irgendwann hinter uns gelassen. In der Rabisch-Schlucht machen wir Rast auf einem wasserumtosten Felsen. Wir liegen auf dem Rücken, lassen uns von der Mittagssonne wärmen und sind ziemlich zufrieden mit uns. „Das war ja bisher noch nicht so schwer mit der Orientierung“, sagt meine Begleiterin, „einfach immer am Fluss lang.“

Kräfte richtig einschätzen

Am nächsten Tag wartet keine kurze Etappe auf uns, sondern eine lange, und am Fluss lang geht es auch nicht, sondern hoch hinauf in die Berge. Wir haben die Nacht bereits auf über 1.800 Metern auf der Alexanderhütte verbracht. Gerade haben wir noch in der gemütlichen Stube das üppige Frühstücksbuffet mit Müsli, frischem Bauernbrot und Käse aus der hauseigenen Sennerei genossen. Jetzt sind wir satt, voller Tatendrang und bereit fürs nächste Abenteuer. Der Panorama-Blick von der Alexanderhütte auf den Alpenhauptkamm und über den 1.200 Meter tiefer liegenden Millstätter See macht den Abschied schwer. Schon am Abend vorher konnten wir uns kaum losreißen vom Anblick der vielen Gipfel und Bergketten, die mit sinkender Sonne immer mehr miteinander verschmolzen sind. Aber kaum haben wir die Hütte hinter uns gelassen, öffnet sich eine neue, ebenso faszinierende Perspektive: Der Weg führt erst sanft, dann immer steiler bergauf, mitten hinein in die grau-braunen baumlosen Kuppen der Nockberge.

Obwohl es nun steiniger und steiler wird, ist der Weg gut zu gehen. Mit jedem zusätzlichen Höhenmeter weitet sich der Blick. Die hohen Alpengipfel, die wir am Abend vorher noch so bewundert haben, sind heute in Wolken gehüllt. Eine Kaltfront ist angekündigt, und wir beobachten sorgenvoll die imposanten Wolkentürme, die wie Atompilze vor uns entstehen und wieder zusammenfallen. Was, wenn uns oben auf dem Kamm ein Gewitter erwischt? Während ich über Wolkenbilder und Wetter doziere, lässt meine Begleiterin den Blick über die Landschaft wandern. „Wenn ein Gewitter kommt, gehen wir einfach da runter in die Hütte“, sagt sie unbeeindruckt. Das Wetter hält, bietet uns aber noch verzauberte Nebellandschaften und wilde Wolkenbilder. Schließlich setzt sich die Sonne durch. Als wir an der nächsten Hütte ankommen, können wir schon wieder draußen sitzen.

Bloß nicht unterzuckern

Direkt unter dem Sennerinnen-Pfanderl steht auf der Speisekarte der Lammersdorfer-Hütte: „Wohin du gehst, geh mit deinem ganzen Herzen.“ Das köstliche Gericht mit viel Bergkäse und gerösteten Zwiebeln garantiert, dass die Wanderer nicht nur mit ganzem Herzen, sondern auch mit gut gefülltem Magen weitergehen. Da wir wissen, dass das Unterzuckern auf Bergwanderungen auch zur Gefahrenquelle werden kann, langen wir ordentlich zu. Buttermilch aus der eigenen Sennerei und ein Cappuccino mit Milch frisch von der Kuh runden das Mahl ab. „Ich glaube, meine Wanderhose ist beim Waschen eingegangen“, sagt die Begleiterin beim Weiterwandern. Alles in allem sind wir aber sehr zufrieden, genießen die Sonne und dass es jetzt erst mal bergab geht. Der Weg führt über grüne Almen und durch lichte Wälder. Meist klappt es gut mit der Orientierung. An einer Stelle haben die Waldarbeiter aber das störende Wanderwegeschild einfach aus dem Boden gepflückt und achtlos in die Landschaft gelegt. Wir tragen das Schild mal hierhin, mal dorthin, drehen es in alle Richtungen und fragen uns, wie es wohl mal gestanden hat. Keine Lösung überzeugt wirklich. Beim Weitergehen wandert der rote Punkt auf dem Handydisplay immer weg von der Route – bis wir feststellen, dass die Waldarbeiter den Einstieg in den Wanderweg mit einem großen Erdhügel verschüttet haben. Wir kraxeln über das Hindernis und finden kurz darauf auch die Markierung wieder. 

Bergab ist auch anstrengend

Als es drei Stunden später immer noch bergab geht, kommen wir spürbar an die Grenzen unserer Kondition. „Wenn ich noch könnte, würde ich jetzt Witze erzählen“, sagt meine Begleiterin. Mit letzter Kraft schleppen wir uns durch die schon menschenleeren Straßen vom Döbriach am Südende des Millstätter Sees. Als wir das Hotel erreichen, dämmert es bereits. Der mitfühlende Hotelmitarbeiter empfiehlt den Aufzug in den ersten Stock. Aber diesen letzten Anstieg nehmen wir noch mit. Wir erreichen das Hotelzimmer ohne weitere Orientierungsschwierigkeiten und lassen uns müde in die weichen Hotelbetten fallen. Beine hoch und ein kühles Bier aus der Minibar – schon schön, so eine richtige Alpenwanderung.

Regine Gwinner, 2019

Mehr Informationen

Der als „Schönster Wanderweg Österreichs“ gekürte Alpe-Adria-Trail führt vom Glockner-Massiv über Slowenien bis an die Adria-Küste. Die Etappen sind so geführt, dass sie nicht ausgesetzt oder gefährlich sind. Kondition braucht man aber schon für die sechs- bis achtstündigen Tagestouren und die vielen Höhenmeter bergauf und bergab.

www.alpe-adria-trail.com

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