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Aussicht am Alpe Adria Trail: Zwei Wanderer am Gipfelkreuz

Gute Aussichten über Berge und Seen haben Wanderer, die auf dem Alpe-Adria-Trail unterwegs sind. / © Franz Gerdl/Kärnten Werbung

Eine Fernwanderung auf dem Alpe-Adria-Trail

Auf dem Alpe-Adria-Trail quert man nicht nur die Alpen, sondern auch drei Länder

Umgekippte Bäume liegen wie Mikadostäbe kreuz und quer über dem Bach in der Rabischschlucht. „Daran erkennst du, dass du im Nationalpark bist“, sagt Bergführer Ron Kapteyn. Hier räumt niemand auf. Die Natur bleibt sich selbst überlassen. Und so wachsen aus einer morschen umgekippten Fichte am Mallnitzbach im Nationalpark Hohe Tauern winzige neue Fichten heraus – ein Miniaturwunderland.

„Wir folgen heute dem wilden Wasser“, sagt Ron. Wenn er spricht, klingt es ein bisschen kärntnerisch und ein bisschen niederländisch. Nicht nur deshalb macht es Spaß, dem gebürtigen Niederländer zuzuhören, wenn er beim Wandern etwas erklärt. Ron weiß einfach alles: Tiere, Pflanzen, Geologie. Unaufdringlich und spannend erklärt er hier die Hintergründe des Nationalparks, dort die Entstehung der Alpen. Vor 30 Jahren hat es ihn aus dem Flachland in die Berge gezogen. Für den Bergführer und Ranger im Nationalpark Hohe Tauern sind das Wandern und die Natur Beruf und Leidenschaft in einem. Etwa 17 Kilometer geht der 59-Jährige durchschnittlich am Tag. Er führt Touristen durch die Bergwelt der Hohen Tauern – im Winter auch gern auf Schneeschuhen – und kümmert sich außerdem um die Instandhaltung und Sicherheit der ersten acht Etappen des Alpe-Adria-Trails.

Der neue Weitwanderweg führt über 750 Kilometer vom Großglockner, dem höchsten Berg Österreichs, durch Kärnten, Slowenien und Italien bis an die Adria nach Triest. Die 43 Etappen bringen Wanderer hoch in die Berge und immer wieder zurück in die Täler und zu den Seen. Der Alpe-Adria-Trail will alle Facetten der Bergwelt zeigen, nicht nur das Hochgebirge. Er versteht sich als Genusswanderweg und bietet zu allen Etappen Einkehrmöglichkeiten, kulinarische Tipps und zertifizierte Wanderunterkünfte von der Hütte bis zum Wellnesshotel.

Dreimal im Jahr läuft Ron Kapteyn mit seinem Team „seine“ Etappen ab. Aber auch jetzt rüttelt er prüfend im Vorbeigehen an jedem Holzgeländer und schaut, ob noch alle Schilder an Ort und Stelle sind. „Die werden nämlich schon mal als Souvenir gemopst“, sagt er.

Farbenspiel und tiefes Murmeln

Entlang des Mallnitzbaches durch zwei Schluchten verläuft Etappe Nummer sieben. Sie startet in Mallnitz und endet im ehemaligen Goldgräberdorf Obervellach. In der Groppensteinschlucht fällt das Wasser an einer Stelle 30 Meter herab und sammelt sich tiefblau in einem Becken am Fuße der Felsen. Wander*innen laufen auf Holzstegen, die balkonartig an die Felswand gebaut wurden, die Schlucht hinunter. Das Wasser hat riesige Felsbrocken glatt geschliffen und kreisrunde Wasserbecken geschaffen, sogenannte Kolke. Die Nachmittagssonne lässt Steine, Wald und Wasser in allen Schattierungen von Grau, Grün und Türkis leuchten.

Das Farbenspiel, die schwindelnde Höhe und das allgegenwärtige Wasser lassen sich zwar nicht in einem Foto einfangen, aber trotzdem versucht man es mit jeder neuen Steinformation aufs Neue. Dabei ist es viel schöner, die Kamera beiseite zu legen, seine Augen zu schließen und zu lauschen. Das Wasser gurgelt, schmatzt und rauscht. Ein Greifvogel pfeift. „Hört ihr auch dieses tiefe, immer gleiche Murmeln ganz im Hintergrund?“, fragt Ron. Und plötzlich, wenn man ganz genau hinhört, bemerkt man es – es klingt wie ein Didgeridoo, nur ganz leise. Das Wasser nutzt die ausgehöhlten Steine wie ein Instrument.

Überhaupt sind es die Geräusche, die Städter in den Bergen wohlig aufseufzen lassen. Der Lärm ist ausgeknipst. Es wird leiser, je höher man hinauf steigt. Bächlein, Vögel, Insekten, eine Kuhglocke, der Wind, das eigene Keuchen und Schnaufen, je näher der Gipfel rückt – für verkehrslärmgeplagte Städter*innen ist diese Geräuschkulisse der Einstieg in die Tiefenentspannung. Die Bewegung beim Wandern tut ihr Übriges. Der Alltag ist schnell vergessen.

Vier Etappen später erheben sich östlich vom Millstättersee die grünen Kuppen der Nockberge. Für die beiden Etappen, die hinauf auf die Millstätter Alpe führen, werden die Rucksäcke ein bisschen voller gepackt. Der Gepäcktransfer, den Weitwander*innen mit wenig Lust zum Schleppen buchen können, fährt die Hütten auf der Millstädter Alpe nicht an – autofreie Zone.

Der Föhnwind bläst warme Luft den Berg hinauf und bringt Nebelfetzen mit. Geduldig wartet Bergführer Rudi Eggarter auf seine Mitwanderinnen, die an jeder Kuh und an jedem Blümchen anhalten, um Fotos zu schießen. Mit seinem Filzhut und dem Holzstab sieht er in der nebligen Bergkulisse ein bisschen aus wie ein Hobbit aus „Herr der Ringe“. Vor neun Jahren ist der gelernte Energieberater aus dem hektischen Alltag ausgestiegen, hat sich zum Bergführer ausbilden lassen und sein Leben umgekrempelt. Auf seinem Hausberg, dem Mirnock, lebt er mit zwei Söhnen und fünf Lamas. Neben üblichen Bergtouren führt er auch Kinder und Erwachsene im mehrtägigen Lamatrek durchs Biosphärenreservat Nockberge.

Jause am Nock

Der Tschiernock-Gipfel auf 2088 Metern Höhe ist geschafft und damit der höchste Punkt des Tages. Rudi gratuliert am Gipfelkreuz und packt den Flachmann aus – alte Bergtradition. Mit den Traditionen kennt sich der waschechte Kärntner, aufgewachsen auf einem Bauernhof in den Nockbergen, gut aus. Beim Aufstieg hat er Preiselbeeren gepflückt, die überall am Wegrand wachsen. Er erzählt, wie sie mit kammartigen Geräten geerntet werden. Die Beeren schmecken herb und fruchtig. „Die Leute hier in den Nockbergen sammeln sie und kochen sie ein – sie schmecken um Welten besser als die skandinavischen aus dem Möbelhaus, glaubt mir!“, sagt Rudi. Dann packt er Kärntner Speck und Rauchwürste aus – selbst gemacht von seiner Cousine. Eine perfekte Jause, wie die Brotzeit in den Kärntner Bergen heißt.

Weiter geht es über einen Bergkamm bis zur Alexanderhütte. Der Nebel zieht sich zu, aber kurz vorm Erreichen der Hütte setzt sich die Sonne noch einmal durch. Eine Kuhherde verstopft den Zugang zur Hütte. Die Kühe warten darauf, in der Sennerei gemolken zu werden. Sie geben die Milch für Butter, Topfen (Quark) und Käse, die die Sennerin auf der Alexanderhütte in der Sommersaison vor Ort herstellt. Das verlockt zu einer weiteren Jause mit Bier und kleiner Käseverkostung: Schnittfrischkäse mit Kräutern, pikanter Liptauer, milder Glundner, gereifter Almkas – beim Harber Kas scheiden sich die Geister. Der krümelige Käse riecht fürchterlich streng, schmeckt aber erstaunlich gut, wenn man sich traut, ihn zu probieren, und ihn traditionell mit einem gebutterten Stück Brot aufstippt.

Rudi ruft zum Aufbruch. Auf der Alexanderhütte kann man zwar auch hervorragend übernachten – aber sie ist voll belegt. Also geht es im Sonnenuntergang noch eine halbe Stunde leicht bergauf zur Millstätter Hütte, die dem Alpenverein gehört und von April bis Oktober bewirtschaftet ist. Edith Widmann, die Hüttenwirtin, sitzt mit einer Tasse Tee und in eine Decke gehüllt draußen. „Habt ihrs geschafft“, sagt sie, steht auf und öffnet die Hütte für die letzten Gäste des Tages. Endlich Schuhe ausziehen, Beine hochlegen und den Abend in der gemütlichen Stube ausklingen lassen bei selbst gemachten Käsnudeln – die Kärntner Version von Ravioli – gefüllt mit Quark, Kartoffeln, Spinat oder Speck. Und dann früh ins Bett.

Morgenstund

Um fünf Uhr am nächsten Morgen klingelt der Wecker. Wer die Sonne über den Bergen aufgehen sehen will, steigt am besten in der Dämmerung auf den nächsten Gipfel, den Kamplnock. „Nehmt Decken mit“, rät Rudi, „wir müssen ja oben eine Weile warten, bis die Sonne kommt“. Eisiger Nordwind ist über Nacht aufgekommen und weht so wild, dass einem die Luft wegbleibt. Im Dunkeln um 5.30 Uhr als Erstes einen Berg zu besteigen, und das ohne Kaffee, ist für Städter*innen eine Herausforderung – auch wenn der Aufstieg nur eine gute halbe Stunde dauert. Oben bieten ein paar niedrige Felsen etwas Schutz vor dem Wind. Der pustet die Wolken im Osten leider nicht schnell genug weg. Der Sonnenball bleibt versteckt. Trotzdem ist die Morgenstimmung einmalig. Die Bergketten zeichnen sich erst dunkelgrau am Himmel ab, werden dann von Minute zu Minute blauer und man erkennt bald den Millstätter See unten im Tal. Nebeltürme steigen wie aus Schornsteinen auf, im Westen lassen sich die Hohen Tauern erahnen. Ein rosa Streifen zeichnet sich am Himmel ab. Die Hände der Wander*innen haben mittlerweile eher ein kräftiges Pink angenommen – der Wind ist einfach zu eisig. „Da seht ihr, wie schnell das Wetter in den Bergen umschlägt“, sagt Rudi, „gestern noch Föhn und T-Shirt-Temperaturen, heute schon Handschuh- und Mützen-Wetter.“

Zurück in der Hütte bringt Edith Kaffee und Frühstück. Auf der Millstätter Hütte ist alles hausgemacht: Birchermüsli, eingeweicht in Apfelsaft vom befreundeten Bauern, Rohmilchbutter und verschiedene Käsesorten aus der Milch der eigenen Almkühe, Speck und Wurst von den Almschweinen. Und genial gute Marillenmarmelade. Der Aufbruch fällt schwer. Es ist einfach zu gemütlich auf der Hütte und so idyllisch mit den beiden Eseln vor der Tür, den Ziegen am Hang und der gewaltigen Aussicht, die mit jeder halben Stunde besser und klarer wird – der Nordwind gibt sein Bestes.

Bergführer Rudi klärt noch mit Edith die Hüttenbelegung für eine andere Wandertour und dann beginnt der Abstieg über den „Weg der Liebe“, vorbei am Granattor bis zur Lammersdorfer Hütte, der letzten Jausenstation, bevor es hinunter ins Tal geht, zum Millstätter See. Die Zivilisation hat uns zurück. Der Parkplatz steht voller Autos. Vor der Hütte  tummeln sich Familien mit Kindern, Mountainbiker*innen, Sonntagsausflügler. In der Hütte bekommt man kaum noch Platz. Nach der Stille und Gelassenheit oben auf der Millstätter Alpe ist der Trubel gewöhnungsbedürftig. Ein paar Tage länger bei Edith, ihren Tieren und der gemütlichen Hütte wären schön gewesen. Aber schon auf der nächsten Etappe des Alpe-Adria-Trails führen die Wege wieder abseits der Straßen und Siedlungen, vorbei an den blauen Kärntner Seen, die bis in den September hinein noch Badetemperatur haben, durch Märchenwälder und Teufelsschluchten. Und die Ruhe kehrt zurück.

von Valeska Zepp

Mehr Informationen

Der Alpe-Adria-Trail verbindet die drei Regionen Kärnten, Slowenien und Friaul-Julisch Venetien auf insgesamt 43 Etappen. Startpunkt ist Heiligenblut am Großglockner. Endpunkt ist Muggia an der slowenischen Küste.

Anreise mit der Bahn ab München über Salzburg zum Beispiel bis Mallnitz. Der Ort gehört zu den Alpine Pearls, der alpenweiten Dachmarke für sanfte Mobilität im Tourismus, und ist ein guter Ausgangspunkt für Wanderungen auf der Alpensüdseite.

Hier gibt es mehr Informationen zur Anreise mit Bus oder Bahn nach Österreich

Das Buchungs-Center des Alpe-Adria-Trails erfüllt alle Wünsche: Etappenplanung, wanderfreundliche Unterkünfte von der Hütte bis zum Wellnesshotel, Verpflegung mit Alpe-Adria-Küche, Gepäcktransfer, Tourenbegleitung und Buchung von Wanderbussen.
www.alpe-adria-trail.com

Green Spirit

Ein besonderer Service auf dem Alpe-Adria-Trail: Die TrailAngels unterstützen Wanderer vor Ort mit einem Abhol- und Bringdienst. Geplant, wenn mal eine Etappe übersprungen werden soll, oder ungeplant, wenn Wetter oder Kondition mal nicht mehr mitspielen sollten.

Wer besonders umweltschonend unterwegs sein möchte, kann in diesen drei Regionen "Green Spirit"-Wanderpakete buchen: im Nationalpark Hohe Tauern, im Biosphärenpark Nockberge und in der Region Kärntner Berge und Seen. Das Auto bleibt zuhause. Dafür gibt es unterwegs Null-Kilometer-Gerichte aus der Alpe-Adria-Küche und jede Menge CO2-freie Fortbewegung an der sauberen Kärtner Bergluft.