Wonach suchst du?

Holzhaus am Strand von Kap Kolka in Lettland.

Auch zu entlegenen Orten führt ein Radweg: Pavillon für die Beobachtung von arktischen Wasser- und Meeresvögeln auf der kleinen Halbinsel von Dirhami im Nordwesten Estlands. / © Uta Linnert

Litauen, Lettland und Estland: Eine Radreise durchs Baltikum

von Uta Linnert

Dünenwanderungen auf der Kurischen Nehrung, Kultur in Riga, Altstadtflair in Tallinn – unsere Radreise durch Litauen, Lettland und Estland verbindet Natur, Geschichte und entspanntes Unterwegssein.

Unsere Radreise beginnt auf dem Meer. Etwas mehr als 20 Stunden dauert die Fährfahrt von Kiel nach Klaipėda in Litauen. Als wir nach 23 Uhr auslaufen, ist es schon dunkel. Die Lichter der Kieler Bucht ziehen vorbei: Ein Riesenrad wirft bonbonfarbenes Licht aufs Wasser, die Einfahrt zum Nord-Ostsee-Kanal markiert ein Leuchtturm. Leichter Nieselregen, wenig Wind, keine Wellen, Ende Juni in Norddeutschland. Wir beziehen unsere Kabine auf Deck 7. Die Räder stehen unter Deck neben vielen Reihen eng geparkter Lastwagen. 

Eine dreiwöchige Reise durchs Baltikum liegt vor uns. Was uns erwartet, wissen wir nicht so genau. Gebucht haben wir nur die Anreise, die ersten beiden Nächte in Klaipėda und die Fähre am Ende der drei Wochen zurück von Helsinki nach Travemünde.  

Das Baltikum ist für uns ein weißer Fleck auf der Landkarte – terra inkognita. Litauen, Lettland, Estland – in dieser Reihenfolge wollen wir die drei Länder bereisen, Alle, denen wir von unseren Plänen erzählen, öffnen die Maps-App im Handy: Wo liegt das genau, wie kommt ihr hin, wie weit ist das? Uns geht es genauso. 

Erstes Land: Litauen

Klaipėda ist die Stadt am Eingang zur Kurischen Nehrung. Dort wollen wir die großen Wanderdünen im Nationalpark sehen und das erste Bad in der Ostsee nehmen. Wir haben uns im Hotel Adler einquartiert – nicht der einzige deutsche Name, der uns hier begegnet. Mit einer kleinen Personenfähre setzen wir am Morgen mit den Rädern, aber ohne Gepäck nach Smiltynè auf die Kurischen Nehrung über. 

Diese fast 100 Kilometer lange und nur anderthalb bis drei Kilometer breite Landzunge aus Sand trennt das Kurische Haff von der Ostsee. Bis in das Dorf Nida führt über 50 Kilometer ein wunderbar angelegter, glatt asphaltierter Radweg durch Birken- und Kiefernwälder. Wir halten unterwegs in alten Fischerdörfern, fotografieren die renovierten roten und blauen Holzhäuser und statten dem tosenden, so gut wie menschenleeren Ostseestrand einen Besuch ab. Wir kosten am Weg geräucherten Fisch aus dem Haff und machen einen Abstecher zur Nagliu-Düne. Sie ist 53 Meter hoch und hat mit ihrem Treibsand über die Jahrhunderte schon drei Dörfer unter sich begraben. Barfuß laufen wir durch feinen weißen Sand hinauf bis zu einem Aussichtspunkt. Diese einzigartige, UNESCO-geschütze Landschaft ist jetzt großflächig mit Nadelbäumen bepflanzt, um das Weiterwandern der Dünen einzudämmen.

Auf halber Strecke der Nehrung, in Nida, ist dann Schluss mit unserer Tagestour. Die Grenze zu Russland in der Mitte der Landzunge ist nicht mehr passierbar. Die russische Enklave Kaliningrad, gerüstet mit Überschallraketen, Kampfjets und Atombomben, versperrt den Weg entlang der Ostsee nach Polen. Wir steigen die Stufen hinauf auf den Leuchtturm von Nida und sehen hinüber. In die Bewunderung der wilden Dünenlandschaft mischt sich ein mulmiges Gefühl: Hier ist der Eiserne Vorhang zurück. Wir machen kehrt, zurück nach Klaipėda.

Die Stadt ist Litauens einziger Seehafen. Am nächsten Morgen erkunden wir die Altstadt mit ihren kopfsteingepflasterten Straßen. Wir frühstücken in einem der Straßencafés in der Sonne, trinken Cappuccino und bestellen Croissants, es gibt hausgemachte Limo und Chiapudding mit Mango. Auf der Terrasse sitzen junge Leute mit Laptops – Einheimische, wie es sich anhört. Ausländische Besucher sehen wir keine, im Touristenbüro herrscht Leere, nichts los in der Altstadt. Auch Geschäfte gibt es so gut wie keine, das Leben spielt sich woanders ab. 

Als wir aus Klaipėda rausfahren, begegnen wir doch noch dem städtischen Leben. Wir kommen an der Uni vorbei, durch Wohnviertel, alte Holzhäuser und neue Hochhäuser, lassen ein riesiges Einkaufszentrum links liegen. Ab der Stadtgrenze führt der Radweg – scheinbar frisch asphaltiert und bestens beschildert, manchmal zweispurig mit Mittelstreifen und abgetrenntem Fußweg, durch den Küstenwald – immer nah am Meer entlang.

Viele Schilder, tolle Wege

Heute wollen wir baden. Auf dem Weg nach Palanga lassen wir uns von kleinen Pfaden, die links Richtung Meer vom Radweg abgehen, ans Wasser locken. Beim ersten Abstecher landen wir an einem spektakulären, mit Kiefern und Eichen bestandenen Kap auf einer Steilküste. Eine Aussichtsplattform und Bänke laden zur Pause ein, aber nicht zum Schwimmen. Beim zweiten Versuch landen wir direkt auf dem weißen Sandstrand. Ein junger Mann klappt gerade die Läden seiner Strandbude auf. Er hat Eis und kühle Getränke im Angebot. Nur wenige Gäste verirren sich an diesem Vormittag auf seine Holzterrasse. Wir können die Räder direkt im Sand abstellen und uns endlich in die Brandung stürzen. Wir haben keine Eile und kein weit entferntes Tagesziel: Ferien an der Ostsee. Wir bekommen mit Wind und Sonne fast noch alles trocken, bevor die Badesachen wieder in den Packtaschen verschwinden.

Am Nachmittag erreichen wir Palanga. Der Ort hat den Ruf als wilder Badeort Litauens, erscheint uns aber vergleichsweise ruhig und gepflegt, mit vielen Restaurants, kleinen Läden und Eisdielen. Die autofreie Flaniermeile führt über die Dünen direkt zum Meer und endet auf einer langen breiten Seebrücke in der Ostsee. Familien flanieren, junge Leute ziehen in Gruppen Richtung Strand. Wir finden einen Tisch im Schatten eines sehr gut besuchten Gartenlokals. Hier wird die Tradition gepflegt, die jungen Kellnerinnen tragen weiße Spitzenschürzen und Hauben, die Kellner Schiebermützen und Hosenträger. Es laufen 60er-Jahre-Schlager und auf der Speisekarte – in englisch – finden wir einheimische Gerichte. Wir bestellen Bier und Salat und dazu das typische in Streifen geschnittene und in sehr viel Butter und Käse geröstete Brot, das hier alle essen. Zum Nachtisch gibt es Pawlowa, ein Baiser, das unter sehr süßer Sahne und ein paar Erdbeeren versteckt ist. Kurz vor dem Magendurchbruch retten wir uns mit dem letzten Stück der Radtour zu unserer gebuchten Unterkunft kurz vor der Grenze. Die Sonne sinkt dramatisch rot ins Meer, Radfahren ohne Licht bis 23 Uhr ist auf diesem Breitengrad Ende Juni kein Problem.

Zweites Land: Lettland

Als wir über die Grenze nach Lettland fahren, werden die Radwege schlechter und verschwinden ganz. Etliche Kilometer müssen wir über die Fernstraße A11 fahren, die leider auch parallel zur Ostsee verläuft. Die ersten Lastwagen knallen an uns vorbei, dann immer mehr, oft ohne Abstand, das geht gar nicht. Wir brauchen eine Pause und finden schließlich Umwege durch den Wald. Die Wege sind nicht befestigt, das macht aber nichts. Wir kommen langsamer voran, sehen Störche, alte Holzkirchen, hübsch renovierte aber auch total verfallene Bauernhöfe, ohne Ende bunte Wildblumen am Weg, alles sehr grün hier. Wir fahren über Sand durch Küstenwald. Manchmal sehen wir stundenlang keine Menschen. 

Liepāja ist für uns eine große Überraschung. Wir freuen uns über die schöne alte Stadt und den Glücksfall unserer Unterkunft nur wenige Meter vom weißen Strand entfernt. Wir haben uns für ein privates Hotel in einer renovierten Holzvilla entschieden. Das Zimmer mit Balkon ist so schön, dass wir spontan eine Nacht verlängern. Die Tage verbringen wir am Strand, decken uns auf dem Markt mit Früchten ein, knipsen die fotogenen Holzhäuser der Stadt. Den lebhaften Hafen von Liepāja besuchen wir am Abend – ein buntes Bild aus Frachtern, Fischerbooten und Kriegsschiffen. In die alten Speicherhäuser aus rotem Backstein sind Hotels, Bars und Restaurants eingezogen. 

Von Liepāja aus sparen wir uns aus Zeitgründen den großen Bogen entlang der Küste und fahren mit dem Zug nach Riga. Bei der Abfahrt um 4:30 Uhr ist es schon hell. Wir verladen die Räder und kommen drei Stunden später in der lettischen Hauptstadt Riga an. Wir erleiden einen kleinen Touristenschock. Horden junger Männer – viele aus Skandinavien – ziehen hier durch die Altstadtstraßen, bevölkern die Bars, laufen bierselig singend bis abends durch die Gassen, der ganze Rathausplatz ist ein einziges Open-Air-Restaurant. Fluch der Billigflieger. Trotzdem ist die Stadt sehenswert. 

Wir verbringen zwei lange helle Tage in Riga, bummeln durch die Altstadt, besichtigen Kirchen und bestaunen die Straßenzüge des Jugendstils, den man selten so fantasievoll und konzentriert sieht wie hier. Vor allem aber erschließen wir uns die Stadt, wie es nur mit dem Fahrrad möglich ist. Wir können den Touristenmassen entfliehen und dort essen gehen, wo sich die Einheimischen treffen, die die Altstadt längst den Vergnügungstouristen und Busladungen Bildungsreisender aus Fernost überlassen haben. 

Drittes Land: Estland

Auf dem Weg Richtung Norden lässt uns der Sommer ein bisschen hängen. Der Himmel ist grau, die Ostsee auch. Bis zur estnischen Grenze sind es etwas mehr als 100 Kilometer. Wir radeln durch alte Laubwälder, die bis ans Wasser reichen, über duftende, mit Kiefern bewachsene, hohe Dünen, sehen Sonnenuntergänge, pflücken Blaubeeren, fahren durch blühende Wiesen und übernachten in einem zweihundert Jahre alten Kapitänshaus.  

Nach Norden hin werden die Strände steiniger. Dicke, rundgeschliffene rosafarbene Granitblöcke hat die letzte Eiszeit vor 10.000 Jahren hierhin gerollt und liegenlassen. Das sieht bezaubernd aus, verhindert aber das Durchkommen und auch das Schieben der Räder am Wasser entlang, wenn es auf dem Kliff nur noch private Anwesen und Durchfahrt-Verboten-Schilder gibt. Einmal müssen wir umkehren und deshalb 30 Kilometer über eine von Autos und Baufahrzeugen ausgefahrene Schotterpiste fahren. Da heißt es Zähne zusammenbeißen und in die Pedale treten. Immerhin unterstützen uns die Akkus ein bisschen. Zur Belohnung finden wir ein cooles italienisches Restaurant, unerwartet, an einem Fluss. Bei Pizza und Tiramisu ist die ätzende Strecke schnell vergessen.

Weil uns Pärnu nicht so gut gefällt wie dem Autor unseres Lonely-Planet-Reiseführers, peilen wir Haapsalu an. In dem Küstenort im Norden Estlands ist alles wieder sonnig, hell und freundlich: Der Ort am Wasser liegt an einer Lagune, hat schöne Badestellen, sehr nette Restaurants. Unser Vermieter gibt uns Tipps für eine Radtour entlang der historischen Villen. Die Kurhotels und Pensionen sind renoviert und in hellen Farben gestrichen. Der Ort lebt, hier könnten wir länger bleiben. 

Zwei Tage später erreichen wir Tallin. Schmuckstück der Stadt ist die UNESCO-geschützte Altstadt. Innerhalb der meterdicken Stadtmauern aus dem Mittelalter kreuzen sich Kopfsteinpflastergassen, darüber ragen die Zwiebeltürme einer russisch-orthodoxen Kathedrale empor. Die alte Hansestadt ist ein lebendiges Museum und kann trotzdem in Allem, was hip und modern ist, mit Kopenhagen mithalten. In ehemalige Fabrikkomplexe sind Künstler eingezogen, hier ist Platz für Start-Ups, Kulturzentren, Museen, Kaffeeröstereien, Foodtrucks, bunte Märkte und alternative Restaurants. Neue Radwege führen um die Altstadt herum, die Straßenbahn gleitet lautlos durch verkehrsberuhigte Wohngebiete, zum Hafen und Fährterminal. 

Von Tallin setzen wir nach Helsinki in Finnland über, um von dort mit einer Fähre in 32 Stunden einmal von Ost nach West über die Ostsee zurück nach Deutschland zu fahren. In Helsinki spüren wir, dass wir im alten Westen sind. Die drei Wochen davor haben wir eine neue Welt kennengelernt: ruhig, nordisch, traditionsbewusst und freiheitsliebend, digital und alternativ, die Menschen zurückhaltend. Die Reise durch Litauen, Lettland und Estland war für uns zu jeder Zeit entspannt und trotzdem sehr spannend. 

Das Baltikum – terra inkognita

Für viele ist das Baltikum noch ein weißer Fleck auf der Reise-Landkarte. Dabei erkämpfte sich die Bevölkerung schon vor über 30 Jahren, 1990 und 1991, ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion zurück, die die Länder nach dem Zweiten Weltkrieg besetzt hatte. Seit Mai 2004 sind die baltischen Staaten Mitglied der EU und der Nato. 2007 erfolgte der Beitritt zum Schengenraum.

EuroVelo 10 und 13

Die EuroVelo 13 nennt sich Iron Curtain Trail und erinnert uns daran, dass wir durch postsowjetisches Territorium fahren. Fast ein halbes Jahrhundert war Europa zwischen Ost und West vom Eisernen Vorhang getrennt. Auf dieser Route können Radfahrer*innen die Geschichte der Spaltung des Kontinents erfahren. 

Der Ostseeradweg EuroVelo 10 umrundet die Ostsee. Diese Baltic-Route erfährt gerade ein von der EU-gefördertes Upgrade zum Radtourismus, von dem man als Radreisende*r deutlich profitiert.

Fahrradmitnahme Liepāja – Riga

Täglich fahren zwei Züge von Liepāja nach Riga. Tickets können online gebucht werden. Der Preis für zwei Personen und zwei Fahrräder: 23,14 Euro. www.vivi.lv

Operation Brandung

Nach dem zweiten Weltkrieg führten die Sowjets im Baltikum die Operation Brandung durch. In einer Welle von Verhaftungen deportierten sie innerhalb weniger Tage 94.779 Menschen aus Litauen, Lettland und Estland nach Sibirien. Damit zerstörten sie die gewachsenen, bäuerlichen Strukturen. Heute zeugen verlassenen Höfe, einsamen Kirchen und zugewachsenen Friedhöfe davon.

Informationen zu Anreise und Verbindungen

Anreise Kiel – Klaipèda: www.dfds.com/de-de/passagierfaehren

Rückreise Helsinki – Travemünde: www.finnlines.com/de/

Fähre Tallinn – Helsinki, verschiedene Anbieter, z.B.: www.vikingline.de

Das ist die EuroVelo-Initiative: de.eurovelo.com/about-us

Die Ostseeküstenroute: de.eurovelo.com/ev10

Iron Curtain Trail: de.eurovelo.com/ev13

Zug buchen in Lettland: www.vivi.lv

Zugverbindungen im Norden Estlands: www.elron.ee/en

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