Nach 18 Stunden kommt endlich Land in Sicht: Die DFDS-Fähre schiebt sich an der Spitze der Kurischen Nehrung vorbei in den Hafen von Klaipėda, Litauen. Ich stehe an Deck und kann nicht aufhören, zu grinsen.
24 Stunden vorher bin ich am Kieler Osthafen angekommen, wo die Fähre nach Klaipėda abfährt. Mein Gepäck steckt in meinem großen Reiserucksack und ruft Erinnerungen an meine erste Rucksackreise direkt nach dem Abi wach. Genau wie damals bin ich heute allein unterwegs, zum ersten Mal seit langem. Mein Ziel ist Riga in Lettland, wo ich meine Schwester besuchen will. Doch vorher steht eine Woche Litauen auf meinem Programm und ich freue mich darauf, dass ich in dieser Woche nur das machen kann und muss, worauf ich Lust habe.
Mit der Fähre von Kiel nach Klaipėda
Ein bisschen aufgeregt bin ich schon, als ich zwischen Lkw und vollgepackten Familienautos zu Fuß die Fähre betrete. Ich habe mir eine Koje in einer 4er-Frauenkabine gebucht. Als ich dort ankomme, sind allerdings nur zwei Betten heruntergeklappt, und von meiner Mitreisenden ist noch nichts zu sehen. Ich will das Auslaufen aus dem Hafen nicht verpasse, also stelle ich nur mein Gepäck ab und gehe aufs Oberdeck. Bis zur Ankunft in Klaipėda werde ich hier die meiste Zeit verbringen und mir den frischen Ostseewind um die Nase wehen lassen.
In Klaipėda habe ich mir eine kleine Ferienwohnung gemietet, ein Taxi bringt mich hin. Vom Deck der Fähre aus hatte ich gesehen, dass in der Innenstadt ein Volksfest stattzufinden scheint, also mache ich mir direkt zu Fuß auf den Weg. Bungee-Trampoline, Stände mit Zuckerwatte, Bier und geräuchertem Fisch säumen das Ufer des Flusses Danė, und ich lasse mich von meiner Nase zu einem Grillstand leiten. Satt und müde laufe ich anschließend durch die ruhigen Straßen zurück zu meiner Ferienwohnung. Zeit fürs Bett!
Allein reisen als Frau: Unbegründete Sorgen
Doch als ich so allein im Dunkeln liege, kann ich nicht einschlafen. Die fremden Geräusche machen mich nervös: An der Wand tickt laut eine Uhr, der Kühlschrank brummt, ab und zu fährt ein Auto vorbei. Und dann sind da plötzlich Schritte zu hören. Und sofort kommen mir all die Horrorgeschichten in den Kopf, von Ferienwohnungsbesitzern, die mit dem Zweitschlüssel in die Wohnung kommen und ihre Mieter ausrauben, oder schlimmeres. Gedanken, die ich wahrscheinlich nicht hätte, wäre ich nicht allein im Dunkeln. Aber es hilft nichts, ich kann nicht schlafen, und stehe dreimal auf, um zu kontrollieren, ob ich die Tür auch wirklich abgeschlossen habe, und draußen im Hausflur keiner ist. Irgendwann schlafe ich dann doch ein – passiert ist natürlich nichts.
Am nächsten Morgen sind die düsteren Gedanken der Nacht wie weggeblasen, und voller Tatendrang stehe ich früh auf: Ich habe mir für heute viel vorgenommen. Den ganzen Tag lang streife ich durch und um die Altstadt, biege immer dort ab, wo es spannend aussieht und genieße einfach nur das schöne Wetter und die vielen neuen Eindrücke. Eigentlich bin ich nur nach Klaipėda gekommen, weil ich unbedingt die Kurische Nehrung erkunden will, aber jetzt entdecke ich, dass auch die Stadt selber ganz viel zu bieten hat. Zum Beispiel gibt es über 50 kleine und große Statuen und ich mache es mir zur Aufgabe, möglichst viele von ihnen aufzuspüren. Dabei staune ich darüber, was für einen Frieden die Stadt ausstrahlt. Direkt am Hafen und rund um den Fluss geht es zwar etwas geschäftiger zu, aber sobald ich um eine Ecke biege, wird es meist ganz still und ich kann ganz bei mir sein und die Kulisse der Stadt in mich aufsaugen.
Radeln und Baden auf der Kurischen Nehrung
Zwei Tage später ist es endlich so weit: Gegen acht Uhr morgens bringt mich die Fähre in wenigen Minuten auf die Kurische Nehrung. Die Halbinsel gehört halb zu Litauen und halb zu Russland. Eigentlich wollte ich die knapp 60 litauischen Kilometer komplett mit dem Fahrrad radeln. Doch weil der Mittelteil der Insel aktuell für Radfahrer gesperrt ist, nehme ich stattdessen den Bus bis nach Nida, kurz vor der russischen Grenze, leihe mir dort ein Rad und erkunde damit den hinteren Teil diesseits der Grenze.
Der Radweg führt die meiste Zeit über durch den dichten Kiefernwald. Immer wieder gehen Forstwege nach links und rechts ab, zur Lagune oder hoch auf die Sanddünen und weiter zur Ostsee. Ich genieße es aus vollen Zügen, so dahinzuradeln, und immer, wenn ein Seitenweg besonders einladend aussieht, biege ich ab. Obwohl auf dem Radweg recht viel los ist, habe ich die Strände und Aussichtspunkte meist ganz für mich allein. An einem größeren Strand will ich schwimmen gehen – und siehe da, es gibt einen Abschnitt nur für Frauen! Auch, wenn am Strand nicht viel los ist, mache ich es mir in diesem Abschnitt gemütlich. Noch ein Vorteil litauischer Strände: Es gibt Umkleidekabinen. Anstatt mich damit abzumühen, gleichzeitig ein Handtuch zu halten und meinen nassen Badeanzug auszuziehen, kann ich mich hier ganz in Ruhe umziehen.
Und wie schon in Klaipėda sind es auch hier auf der Insel wieder die Ruhe und das friedliche Gefühl, die mich besonders beeindrucken und tiefenentspannt zurücklassen. Kein Wunder, dass ich in meiner Ferienwohnung inzwischen deutlich besser schlafe. In diesen Tagen in Klaipėda und Umgebung ist mir nichts als Freundlichkeit begegnet.















