Zwei Meere, zwei Währungen, zwei Sprachen, zwei Steuersätze – im Norden das "Du", im Süden das "Sie", im Westen das Watt, im Osten die Flensburger Förde: Grenzerfahrungen sind auf der Strecke zwischen dem dänischen Højer und dem deutschen Flensburg garantiert. "Grenzen sind dazu da, überschritten zu werden", ermuntert Naturführer Iver Gram die Gäste, die sich davor ekeln, mit nackten Füße durch den glibberigen Schlick zu patschen. Aber eine Austernsafari muss man barfuß und mit hochgekrempelten Hosen machen – auch wenn man eigentlich auf Radtour unterwegs ist. Die Wanderung führt durch Sand und Rinnsale bis an die Wasserkante. Gram zeigt auf Austern, Krebse und Würmer, erzählt Geschichten und stapft schmatzend durch den Schlick, bis er alle mit seiner Begeisterung angesteckt hat. Zurück am Strand rückt er den gesammelten Austern mit Zange und Messer zu Leibe. "Weiß, fett und so frisch!", schwärmt er und schlürft, aber in diesem Fall teilen nicht alle seine Begeisterung.
Radfahren entlang der Grenze
Iver Gram lebt und arbeitet in der Nähe des dänischen Højer. Noch fließen die Touristenströme an dem malerischen Ort vorbei. Aber das beschauliche 1500-Seelen-Dorf, drei Kilometer von der Wattenmeerkante entfernt, erhofft sich von der neuen Radroute durch das Grenzland zwischen Deutschland und Dänemark einen Gästeaufschwung. Harry Nielsen, Hotelier in Højer, glaubt an die Zukunft des Radtourismus und hat schon mal drei Holzhäuschen in seinen Garten gesetzt: rustikale Herberge für müde Radler*innen.
Am kommenden Morgen steht der Wind günstig: Raschelnd zieht er durch die schilfbestandenen Gräben, wiegt die rosafarbenen Blütenstände der Schwanenblumen und schiebt die Radfahrer*innen, die von Højer aus den neuen Radweg testen, Richtung Südosten. Meckernd begleiten hunderte von Schafen die vorbeigleitenden Radlergruppen. Über dem platten Marschland türmen sich am blauen Himmel ständig neue Wolkenschlösser auf, und eine Kirchturmspitze kündigt weit sichtbar die nächste Ortschaft an: Møgeltønder. Wenig später holpern die Räder über das Kopfsteinpflaster der angeblich schönsten Dorfstraße Dänemarks. Gesäumt wird die "hyggelige" Flaniermeile mit ihren Antikläden und Cafés von den ehemaligen Wohnhäusern der Bediensteten des 1664 gebauten "Schackenborg Slot". Heute gehört das Schloss dem dänischen Prinzen.
Einige Kilometer südlich kreuzt der Radweg die zunächst unsichtbare Ländergrenze. Kaum ist das Ortsschild des deutschen Ortes Aventoft passiert, ist es vorbei mit der dänischen Gemütlichkeit, genau wie in der Nachbargemeinde Süderlügum. "Es ist leichter, durchs Fegefeuer zu kommen als ohne Schläge durch Süderlügum", sagte man früher, wenn die Viehhändler auf dem Weg nach Husum und Hamburg mit ihren Herden in Süderlügum Station machten.
Schläge müssen die Radler*innen hier natürlich nicht fürchten, lebhaftes Treiben herrscht aber nach wie vor – und zwar an sieben Tagen in der Woche. Auf die Diskussion um die Ladenöffnungszeiten in Deutschland reagieren Händler*innen und Hoteliers hier mit Kopfschütteln. Der rege Grenzhandel sorgt für Einkommen und Arbeitsplätze.
Die unterschiedlichen Mehrwertsteuersätze treiben die Dänen in Scharen auf Einkaufstour in die beiden Grenzgemeinden. Alkoholika, Bier – selbst dänisches –, Schokolade, Tabak und Zigaretten werden in den Autos verstaut, bevor es zurück nach Dänemark geht.
Die alte Zollstation am ehemaligen Grenzübergang bei Sæd nimmt dabei kaum noch einer wahr, obwohl der Zollfahnder Carl Jørgensen hier nach wie vor sein Refugium hat – heute als Leiter des Zollmuseums. Jørgensen nimmt sich Zeit für seine Gäste. Bei einer Tasse Kaffee in der ehemaligen Zollabfertigung erzählt er von Grenzpatrouillen, Schmugglern und von der Zeit der Besatzung. Ihr hat er einen Großteil der Ausstellung seines Privatmuseums gewidmet. Während sich Jørgensen mit den militärischen Aspekten dieser Periode beschäftigt, dokumentiert die KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund die Unmenschlichkeit des deutschen Naziregimes. In den sechs Wochen ihres Bestehens kamen hier 1944 mehr als 300 Häftlinge, darunter viele Niederländer*innen, um. Zwischen den beiden Orten, die etwa 20 Kilometer trennt, liegt eine Landschaft absoluter Ruhe – Zeit zum Nachdenken, zum Sich-Treiben-Lassen.
Dem einen ist die Grenze Hindernis, dem anderen Orientierung. Die Menschen entlang der deutsch-dänischen Grenze schöpfen ihre Identität aus der jeweiligen Landeszugehörigkeit und sind doch eine ganz eigene, unabhängige Gemeinschaft eingegangen.







