Circumetnea, Privatbahn am Ätna
© Pietro Rizzo

Mit der Bahn durch Italien

Interview mit Siegfried Klausmann von der Bahnagentur Gleisnost

Interview mit Siegfried Klausmann über Günstige Tickets, Schöne Strecken und die Zusammenarbeit mit den Italienischen Bahnen.

Anderswo: Italien war lange klassisches Autofahrerziel, gerne auch mit nachts Durchfahren bis ans Mittelmeer. Ist diese Sehnsucht nach Süden und Strand mit der Bahn genauso gut umzusetzen?

Siegfried Klausmann: Auf jeden Fall – obwohl der internationale Bahnverkehr nach Italien in den letzten Jahren stark abgebaut wurde. Vor 20 Jahren hatten wir pro Nacht noch zehn Verbindungen über die Alpen nach Italien. Jetzt ist es nur noch eine von München nach Florenz und Rom.

Anderswo: Woran liegt das?

Klausmann: Das passiert, wenn die Politik den internationalen Bahnverkehr nicht mehr als ihre Aufgabe betrachtet. Wer eine Auslandsverbindung auf die Beine stellt, braucht Zeit und Kreativität, muss sich mit einer anderen Mentalität und anderer Technik auseinandersetzen. Wenn ich dabei mit Billigfliegern konkurriere, die subjektiv sehr günstig sind, ist ein Teil des Fahrgastpotenzials schon verloren. Dann fehlt die Auslastung, es fehlt an Geld für Investitionen, die Qualität des Angebots sinkt und schon ist die Nachfrage so schlecht, dass die Verbindung wieder eingestellt wird.

Anderswo: Man hört häufig, dass die Zusammenarbeit mit den italienischen Bahnen nicht einfach ist.

Klausmann: Man hört das so häufig, dass man dazu neigt, es zu glauben. Beim sogenannten Brennerverkehr zwischen Deutschland, Österreich und Italien hat die italienische Bahn wenig Interesse an ausländischen Fahrgästen gezeigt. Die Züge waren uralt und teilweise richtig verwahrlost. Irgendwann haben DB und ÖBB den Brennerverkehr in Eigenregie übernommen – ohne die Staatsbahn Trenitalia.

Anderswo: Jetzt geht es im ICE von München nach Mailand?

Klausmann: In der Regel sind es Eurocity-Züge, die von München aus viele Ziele in Italien anfahren: Bozen in Südtirol, Mailand, Bologna, Verona … Besonders praktisch für deutsche und österreichische Kunden ist, dass sie ein durchgehendes Ticket haben und nationale Ermäßigungen wie die BahnCard auf der ganzen Strecke gelten.

Anderswo: Und Trenitalia toleriert das?

Klausmann: Das führt zu den üblichen Spielchen: Man lässt den Zug am Brenner warten, weil angeblich kein Slot frei ist, ein anderer wird nicht genehmigt, weil Trenitalia einen Zug für die Strecke anmeldet, diesen aber nie in Betrieb nimmt, in Mailand darf die DB nicht am Hauptbahnhof halten.

Anderswo: Das heißt, dass die Mühe, die sich eine Bahngesellschaft macht, um ein gutes Angebot auf die Beine zu stellen, von der anderen untergraben wird?

Klausmann: Das erlaubt uns schon mal einen Blick in die Zukunft des Bahnverkehrs: Es werden immer mehr konkurrierende Unternehmen auf den Markt kommen. Der Kunde wird nicht mehr nur das Verkehrsmittel wählen müssen, sondern auch den Anbieter, mit dem er reisen möchte. Wie bei den Fluggesellschaften wird es auch im Bahnverkehr für den Endkunden immer schwieriger werden, ohne fachkundige Beratung das wirklich beste Ticket für eine Verbindung zu finden.

Anderswo: Zurück zu Italien: Wie funktioniert das Bahnreisen, wenn man erst mal im Land ist?

Klausmann: Das Bahnnetz in Italien ist überall sehr gut. Auch die Taktdichte ist gut – im Nah- und im Fernverkehr.

Anderswo: Das Vorurteil ist: Der Preis fürs Bahnreisen in Italien ist günstig, aber die Qualität ist schlecht.

Klausmann: Das stimmt nicht! Die Italiener fahren selbst viel Zug und pflegen ihr Bahnnetz gut. Wie in anderen Ländern wird viel in Hochgeschwindigkeit und neue Züge investiert. Aber auch in den Ballungsräumen hat sich viel getan. Grundsätzlich ist die Qualität der Strecken und Bahnen im reichen Norden besser als im Süden. Aber auch dort kann man das Bahnfahren überall uneingeschränkt empfehlen.

Anderswo: Ist es besser, Tickets zu Hause zu kaufen oder vor Ort?

Klausmann: Fernzüge in Italien sind reservierungspflichtig. Wenn ich vor Ort kaufe, riskiere ich also, dass der Zug ausgebucht ist. Außerdem gibt Trenitalia Frühbucherrabatte bis 60 Prozent. Daher lohnt es sich, so bald wie möglich zu buchen. Man kann Tickets auch vor Ort kaufen. Das ist – abgesehen von der Wartezeit am Schalter – kein Problem.

Anderswo: Bekomme ich vom Ausland aus auch alle Tickets und Informationen für den Nahverkehr?

Klausmann: Tickets bis auf wenige Ausnahmen ja. Bei Informationen ist es schwieriger. In Apulien beispielsweise fahren viele Privatbahnen, die übers Gesamtsystem überhaupt nicht aufzufinden sind. Da muss man sich ein bisschen auf die lässigere Gangart in Bella Italia einstellen. Nicht alles ist so formalisiert, wie wir es gewohnt sind. Dafür ist aber sehr viel mehr möglich, als man denkt.

Anderswo: Gibt es Bahnstrecken in Italien, die man unbedingt mal gefahren sein muss?

Klausmann: Die schönste Strecke in Italien für mich ist die "Circumetnea", eine landschaftliche unheimlich beeindruckende Rundfahrt um den Ätna. Man sieht diesen tollen Berg von allen Seiten und hat gleichzeitig ewigen Schnee, erstarrte Lava, blühende Zitronenbäume und das unglaublich blaue Meer im Blick.

Regine Gwinner

Mehr Informationen

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Blaue Schwalbe-Unterkünfte in Italien, die auf Gäste eingestellt sind, die per Bahn anreisen

Für die Reiseplanung

Tickets und Preise

Tickets für den Fern- und Nahverkehr in Italien gibt es:
am DB Schalter und bei www.bahn.de (alle Eurosparpreise und Tickets im Brennerverkehr, nur voller Preis, keine Frühbucherrabatte)
in Reisebüros mit Trenitalia-Lizenz
zu bestellen bei Aviareps (weltweiter Vertriebspartner von Trenitalia) www.aviareps.com
und natürlich bei Gleisnost in Freiburg, Tel.: +49 (0)761 205 513 0, www.gleisnost.de

Reisebeispiel 1: Von Franken in die Toskana: Nürnberg - Florenz

Am Tag: Nürnberg ab 8.02 Uhr mit Umstieg in München und Bologna, Ankunft in Florenz um 17.30 Uhr.
Preis: 99 Euro inkl. reservierter Sitzplatz*

Über Nacht: Nürnberg ab 19.31 Uhr, Umsteigen in den Nachtzug ab München 21.02 Uhr, Florenz an 6.18 Uhr. Frühstück in der Bar gegenüber dem Bahnhof, Bummel durch ein langsam erwachendes Florenz. Ohne Anstehen um 8.15 Uhr in die Uffizien.
Preis: 69 Euro (ohne Frühstück und Museumsticket!)

* Anfragezeitpunkt war der 11. Juli für eine Reise am 21. September 2011. Grundsatz: Wer Hauptreisetage meidet und frühzeitig bucht, hat bessere Aussichten auf gute Preise. Eine BahnCard25 ermäßigt die genannten Preise geringfügig.

Reisebeispiel 2: Aufstehen! Der Vulkan ruft: Berlin - Milazzo

Ab Berlin um 4.31 Uhr via Basel nach Mailand an 16.38 Uhr: Zeit für einen kleinen Bummel zum Dom, weiter mit dem Liege?wagenzug nach Milazzo um 20.15 Uhr. Aufwachen in Süditalien, Fahrt mit der Bahnfähre über die Straße von Messina. Ankunft in Milazzo um 12.21 Uhr. Anschlussmöglichkeit per Schiff nach Stromboli und auf alle anderen Liparischen Inseln.
145 Euro inkl. reservierte Sitzplätze und 4er-Liegewagen (ohne Schiff!)*

Bahnreise nach Italien:

Man kann von jedem Bahnhof in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus nach Italien reisen.

Ausführliche Informationen zur Anreise mit der Bahn finden Sie unter Zügig durch Europa - MIt dem Zug nach Italien ...