© Regine Gwinner

Ayurveda-Kur in Deutschland

Rappenau statt Indien: Das Heilzentrum Ayurveda Garden bietet traditionelle indische Medizin

Wer die aus Indien stammende ayurvedische Medizin kennenlernen möchte, muss deshalb nicht bis nach Indien reisen. Auch in Deutschland gibt es gute Adressen.

Wie kann man nur so müde sein? Vor zwei Tagen habe ich noch ganz normal den Alltag gemanagt, jetzt bewege ich mich zwischen Liege, Ruheliege, Gartenliege und Bett und will eigentlich gar nicht mehr aufstehen. Zwei Anwendungen pro Tag, mehr würde die Gäste in Stress versetzen und wäre eher kontraproduktiv, sagt Ayurveda-Arzt Dr.Shine Koorkaparambil – der Einfachkeit halber kurz Dr. Shine genannt – beim Aufnahmegespräch. Er lässt offen, wie der Rest des Tages aussieht. Nur zwei Termine, keine Pflichten? Das klingt schon fast bedrohlich. Gut, dass so eine Anwendung auch vor- und nachbereitet sein möchte. Mindestens eine halbe Stunde vor dem Termin stimmt man sich im Ruheraum schon einmal ein. Vorruhen, sozusagen. Nach der Anwendung soll man ebenfalls mindestens eine, besser zwei Stunden liegen. Danach will man dann sowieso nicht mehr aufstehen. Während mich am ersten Tag noch das schlechte Gewissen daran hindert, diesem Gefühl nachzugeben, ist der Damm am zweiten Tag gebrochen. Anscheinend bin ich nur hierher gekommen, um der Erschöpfung endlich mal voll und ganz nachzugeben. Das Buch, das als Alibi immer dabei ist, bleibt geschlossen. Die Augen auch. Hinlegen. Abschalten. Runterfahren.

Liegen lernen

Ein Aufenthalt im Ayurveda Garden in Bad Rappenau ist ein Neustart für Körper und Seele. Das beginnt schon mit der Anreise, denn statt internationalen Flughafens, Interkontinentalflugs, Kulturschocks wird es Richtung Bad Rappenau immer reizärmer. Das kleine, aus mehreren historischen Gebäuden bestehende Anwesen liegt ganz am Ende des Kurparks, da, wo der Ort schon zu Ende ist und die Felder beginnen. Die Lage und die Philosophie des Hauses wirken beruhigend – ebenso wie die unaufgeregte Freundlichkeit des fast ausschließlich indischen Teams. Dr. Shine lebte und arbeitete schon viele Jahre in Deutschland, bevor er sich entschloss, sich mit einem Ayurvedischen Behandlungszentrum selbständig zu machen. "Die Häuser, in denen ich vorher gearbeitet habe, waren entweder schlecht gemanagt oder auf Gewinnmaximierung aus", erklärt er. "Ich wollte keine getakteten Beratungsgespräche mehr. Stattdessen wollte ich traditionelle ayurvedische Heilkunst umsetzen, wie ich sie im Studium gelernt habe."

Die Tage fließen dahin. Das einfache ayurvedische Essen nimmt wenig Zeit in Anspruch. Jeder will Ruhe, keiner will die anderen aus der Trance reißen, in der sie sich offensichtlich befinden. Nach einer kleinen Runde durch den Park gebe ich auch diesen Versuch der Aktivität auf. Kopf und Beine sind schwer. Schluss für heute. Elke K. ist in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal im Ayur­veda Garden. Eigentlich hatte sie schon einen anderen Urlaub gebucht, sich dann aber ganz spontan entschieden, nochmal nach Bad Rappenau zu kommen. "Seit zehn Jahren hatte ich mit Migräne zu kämpfen", erzählt die 50-jährige Managerin aus Bensheim. Ein mehrwöchiger Aufenthalt im Ayurveda Garden brachte endlich Erleichterung. "Die ersten vier Wochen nach der Therapie hier waren noch richtig schlimm. Da ist einiges aufgewühlt worden", erinnert sie sich. Danach hatte sie zum ersten Mal für längere Zeit Ruhe vor den Kopfschmerzen. "Das hat mich bewogen, die Behandlung hier fortzusetzen."

"Ayurvedische Medizin hilft vor allem bei Störungen des Nervensystems sehr gut", bestätigt Dr. Shine. Er sieht sein Angebot nicht als Konkurrenz zur Schulmedizin, sondern als Ergänzung. "Viele Menschen, die zu uns kommen, haben schon alles probiert und niemand konnte ihnen helfen. Manche von ihnen finden hier endlich Erlösung."

Keine Wunderheilung

Aber natürlich ist auch die Ayurvedische Medizin kein Allheilmittel und verspricht keine Wunderheilungen. Sie denkt schlicht anders und setzt auf jahrtausendealte Erfahrungen und Traditionen. "Unser Medizinstudium dauert genauso lange wie in Deutschland", erklärt Dr. Shine. Dass die ­Ayur­vedische Medizin außerhalb Indiens nicht offiziell anerkannt ist, bedauert er sehr.

Nach drei Tagen Schnupperprogramm fällt der Weg zurück in den Alltag schwer. "Zum Glück bin ich mit der Bahn da", sagt eine Teilnehmerin. "Die Wachheit fürs Autofahren würde ich jetzt gar nicht aufbringen." Elke K. freut sich, dass sie keinen langen Nachhauseweg hat. "Ich weiß nicht, ob ich für eine solche Behandlung nach Sri Lanka oder Indien fahren würde. Nach meinen bisherigen Fernreisen war ich vom langen Flug und dem Jetlag so erledigt, wenn ich heimkam, dass die ganze Erholung weg war."

Regine Gwinner, 2016