Es ist überraschend ruhig an diesem Samstagabend in Eisenach. Trotz perfekter Sommertemperaturen sind die Bänke vor den Kneipen leer. Ein paar wenige Tourist*innen schlendern über den Platz vor der Georgskirche. Es ist zehn Uhr und an diesem lauen Juni-Abend immer noch nicht dunkel. Beste Bedingungen also für einen Abendspaziergang auf die Wartburg. Direkt aus der Innenstadt führt der Weg durchs imposante Villenviertel steil bergauf – hinein in ein Waldstück, in dem es dann doch recht finster ist. Keine Straßenlampen mehr. Dafür wimmelt es hier nur so vor Glühwürmchen.
Kaum haben wir es hoch zur Wartburg geschafft, wissen wir, wo sich vor allem die junge Stadtbevölkerung an diesem Sommerabend aufhält: Kultur-Konzert auf der Wartburg – die geschichtsträchtigen Mauern sind Kulisse für ein buntes Event und voller Leben. Wir mischen uns ins Partyleben und genießen ein eiskaltes Erfrischungsgetränk. Noch ein bisschen Kultur mitnehmen, bevor wir am nächsten Morgen aufbrechen, um Thüringens Natur zu erkunden.
Thüringens Naturschätze per Rad erkunden
Acht Nationale Naturlandschaften gibt es in Thüringen – vom Naturpark Südharz im Norden bis zum Naturpark Thüringer Schiefergebirge/Obere Saale im Süden des Bundeslandes. Fast ein Drittel der Landesfläche decken diese Gebiete gemeinsam ab und bilden damit eine grüne Oase mitten in Deutschland. Wer Ruhe, viel Natur und besondere Raderlebnisse abseits des Mainstreams sucht, ist hier richtig. Wasser, Wald, Streuobstwiesen und offene Weideflächen prägen diese Landschaften. Kein Zufall also, dass an diesen Juni-Tagen mit Hitzerekorden in ganz Deutschland Thüringen der einzige grüne Fleck auf der Hitzekarte ist. Wie eine große natürliche Klimaanlage wirkt die Natur hier – was man vor allem abends merkt, wenn man sein Nachtlager im luftigen Tipi einrichtet.
Übernachtung im Tipi
Ganz schön frisch! Grade saßen wir noch draußen an der Feuerstelle und haben den warmen Sommerabend genossen. Jetzt liegen wir in unserem Tipi und frösteln. Das aus fünf authentischen Nomadenzelten bestehende Tipi-Dorf, erste Station auf unserer Radtour durch Thüringens Nationale Naturlandschaften, ist Teil des Urwald-Life-Camps bei Lauterbach, nicht weit von Eisenach entfernt. Von der Stadt ist hier allerdings gar nichts mehr zu spüren. Das Urwald-Camp liegt mitten im Wald am südlichen Rand des Nationalparks Hainich. Wer hätte ahnen können, dass wir angesichts vorhergesagter Temperaturen von um die 35 Grad unsere Daunenschlafsäcke vermissen würden. Wir kramen warme Socken und Pullis aus den Radtaschen und wickeln uns in unsere dünnen Decken. Irgendwann schlafen wir dann dank viel frischer Luft doch tief und fest ein.
Es weckt uns um 7 Uhr ein Morgen-Ständchen der thüringischen Blasmusik-Jugend, die sich in dieser ersten Schulferienwoche hier zum Trainingslager verabredet hat. Während Posaunisten und Trompeterinnen diverse Frühsportangebote durchlaufen, genießen wir unser Radlerfrühstück in der Morgensonne. Dann steigen wir auf die Räder, um vor der Mittagshitze noch ein paar Punkte auf unserer Hainich-Entdeckungsliste abzuhaken.
Baumkronenpfad Hainich
Wir müssen einmal quer über alle Berge des Hainich, um zum Baumkronenpfad zu gelangen. Kilometermäßig nicht weit, aber ziemlich viel Steigung. Auf schön angelegten Waldradwegen tauchen wir ein in den lichten Wald, in dem Buchen, Eichen und Linden für Schatten und angenehme Belüftung sorgen. Dank unseres Frühstarts sind wir die ersten Gäste des Baumkronenpfads. Neugierig gehen wir die vielen Stufen hinauf. Auf über 40 Metern über dem Waldboden kann man hier direkt durch Baumkronen flanieren. Der Duft der Lindenblüten, der uns schon am Vortag überall begleitet hat, ist hier oben überwältigend. Mir wird ein bisschen schwindlig, als ich an den massiven Stämmen entlang nach unten schaue. Wem dieser Kitzel nicht reicht, der findet immer wieder Kletterpassagen – Leitern oder Netze – über die man von Plateau zu Plateau gelangen kann. Eine kleine Mutprobe lege ich ein und turne in 40 Metern Höhe über ein frei hängendes Netz – 100 Prozent sicher, kein Risiko. Trotzdem fällt es mir schwer, nach unten zu schauen. Mit wackligen Knien rette ich mich auf festen Grund und steige lieber nochmal hoch auf den Aussichtsturm, der über die Waldwipfel hinausragt und freien 360 Grad-Blick gewährt.
Mit geschultem Blick erkennen wir jetzt schon die Wildkorridore, auf denen sich die im Hainich lebenden Wildkatzen über weite Strecken vernetzen – und auch unsere Route zur nächsten Mahlzeit können wir von hier oben verfolgen: Etwa zehn Kilometer sind es bis zum Waldgasthof Hainichhaus in Kammerforst, den wir für die Mittagspause als Ziel eingeplant haben.
Siesta in der Hängematte
Im Schatten unter alten Bäumen genießen wir wenig später die Aussicht und einen großen Teller Bratkartoffeln mit Spiegelei. Köstlich! Und genau die richtige Stärkung nach dem anstrengenden Bergauf und Bergab des Vormittags. Da sich mit vollem Bauch nicht gut radelt – schon gar nicht bergauf – nutzen wir nach dem Mittagessen das große Buchenangebot im Nationalpark, um unsere Hängematten aufzuspannen. Wir lassen uns von der leichten Brise schaukeln und schauen ins grüne Laubdach, über das wir heute schon so viel gelernt haben. Es ist so still hier! Kein Autolärm, kein Flugverkehr, keine Spaziergänger – nur das Summen der Insekten und das sanfte Schnarchen aus der Nachbar-Hängematte.
Wo ist der Nachmittag hin? Haben wir wirklich zwei Stunden geschlafen? Gut erholt gehen wir den letzten Berg des Tages an, bevor wir gemütlich ins Werratal hinunterrollen, wo unsere nächste ganz besondere Unterkunft auf uns wartet: das Biohotel Stiftsgut Wilhelmsglücksbrunn.
Das Stiftsgut ist leicht zu finden, denn es liegt – etwas südlich von Amt Creuzburg – direkt am Werratal-Radweg. Das Quartier empfängt uns mit einem gemütlichen Biergarten im großen Innenhof und einem erfrischenden Radler – gebraut in der benachbarten Rhön. Diese Unterkunft lässt sich in keine gängige Kategorie einordnen: Sie ist Bio-Hotel, aber auch Landgut, Naturschutzprojekt, Gemeinwohlbetrieb und vor allem: Herzensangelegenheit. Ein Verein hat den maroden Betrieb inklusive Herrenhaus in den 90er Jahren erworben und liebevoll reaktiviert. Nun ist bereits die nächste Generation am Start. „Meine Eltern haben sich von Anfang an hier engagiert“, erzählt Richard Karsten, der vor zwei Jahren den Hotelbetrieb übernommen hat. Im Team mit Franz Dudenstedt, der die Landwirtschaft verantwortet, bringt er neue Ideen und viel Leidenschaft ins Projekt ein. „Ich war schon als Kind immer hier und habe es geliebt, mitzuhelfen. Jetzt habe ich die Möglichkeit, nochmal mehr zu gestalten und zu zeigen, wie sich die unterschiedlichen Betriebe hier gegenseitig bereichern können“, erklärt der junge Hotellier sein Engagement.
Naturschutz mit Wasserbüffel
Eine Besonderheit des Landguts: die Wasserbüffel-Herde. „Ein großer Teil unserer Weideflächen gehören ins Naturschutzgebiet“, sagt Karsten. „Die Wasserbüffel pflügen die Weiden mit ihren Hörnern immer wieder um und bringen Wasser an die Oberfläche. So entstehen optimale Bedingungen für viele Insektenarten.“ Und natürlich kommt das Wasserbüffel-Fleisch aus eigener Produktion auch den Hotelgästen zugute. Wer mit Richard Karsten gesprochen hat, genießt das kulinarische Angebot des Stiftsgut besonders bewusst: Zum Beispiel den Pulled-Wasserbüffel-Burger, den es an diesem Abend im Bistro gibt, gefolgt von einem köstlichen Schafsmilch-Eis, das ebenfalls aus hauseigener Produktion stammt.
Nach Essen, Dusche und kleiner Verschnaufpause spazieren wir über den Hof, schauen uns Gästehaus, Wirtschaftsgebäude und Schafsweiden an und wandern dann hinüber in die Werratal-Auen. Auch hier sind wir wieder überrascht, wie schnell es nach der Hitze des Tages abkühlt. Gut, dass wir diesmal vorgewarnt sind und Jacken mithaben. So können wir den Spaziergang durch die frische Abendluft ohne Gänsehaut genießen. Wir finden den Salzbrunnen, dem das Stiftsgut seinen langen Namen verdankt. Wo ursprünglich Sole für die Kurhäuser in Eisenach sprudelte, stehen nun Galloway-Rinder auf den Salzwiesen und bestaunen gemeinsam mit uns den Sonnenuntergang – doch noch ein Gänsehaut-Moment.
Wir schlafen himmlisch im historischen Gutshaus und nur die Vorfreude aufs Frühstück und auf einen kühlen Start in den nächsten Rad-Touren-Tag locken uns am nächsten Morgen aus den Federn. Die Wasserbüffel-Salami und der Schafsmilchjoghurt stammen aus eigener Produktion, wie auch Obst und Marmeladen. Das Brot backt ein Freund des Hauses, der dafür eigenes Getreide anbaut und selbst vermahlt.
Vom Stiftsgut in die Rhön-Butze
Nicht nur das Stiftsgut hat einen langen Namen. Auch der Naturpark, in dem es sich befindet: der Naturpark Eichsfeld-Hainich-Werratal. Hier haben sich drei Regionen zu einer großen Naturlandschaft zusammengeschlossen. Bananenförmig zieht sich dieser Naturpark von Norden nach Süden – immer an den Landesgrenzen zu Niedersachsen und Hessen entlang.
Vom Hof des Stiftsguts rollen wir wieder auf den Werratal-Radweg. Wir biegen Richtung Süden ab, wo wir am Ende dieses Sommerradtouren-Tages die nächste Nationale Naturlandschaft erkunden möchten: das UNESCO Biosphärenreservat Rhön. Rhön, das heißt noch mehr Berge. Aber bevor es ernst wird und wir sportlich gefordert werden, folgen wir noch ein bisschen dem Werratal-Radweg. Ohne große Anstrengungen fahren wir auf dem schön angelegten Radweg flussaufwärts und merken schnell: Im Werratal ist man mit Vorliebe auf dem Wasser unterwegs. Immer wieder halten wir an, um den Paddlern hinterher zu schauen, die mit ihren bunten Schwimmwesten Farbe ins natürliche Blau-Grün der Flusslandschaft bringen.
Ab Gerstungen führt der Werratal-Radweg dann zu weit nach Westen – ein Umweg, der uns deutlich von unserer Route Richtung Rhön abbringen würde. Wir stehen vor der Entscheidung: Flusstal oder Berg? Zwei Radler*innen, zwei Meinungen. In einer demokratisch geführten ergebnisoffenen Debatte („Gar nicht so viel Steigung, viel schneller bei Kaffee und Kuchen, du wolltest doch sportlich…“) setzt sich der Bergfahrer durch. Während es auf sandiger Piste dann doch steil bergauf geht, habe ich viel Zeit über die großen Fragen des Lebens nachzudenken: Bin ich nicht eigentlich mehr der Strandtyp? Wann kommt die nächste Eisdiele? Und: Warum habe ich immer noch kein E-Rad?
Das Fantastische am Bergauf-Radeln: Irgendwie schafft man es dann doch, und sobald man oben ist, sich über die eigene Fitness freut, die Aussicht genießt und wieder bergab saust, ist die Anstrengung längst vergessen – bis zum nächsten Berg. Aber wir haben Glück und der nächste Berg lässt erst mal auf sich warten. Denn wir entdecken den Felda-Radweg, der auf einer ehemaligen Bahntrasse verläuft und uns mitten hinein ins UNESCO Biosphärenreservat Rhön bringt. Wo früher die Früchte des Bergbaus auf Schienen ins Tal transportiert wurden, radeln wir jetzt ohne große Anstrengung bergauf. Stillgelegte Bahnhöfe gibt es entlang der Strecke, aber weder Café noch Biergarten.
Eismanufaktur – wir kommen!
Umso größer ist die Begeisterung, als wir am Ortseingang von Dermbach ein Schild entdecken: „Eis, Kaffee, Kuchen, Cocktails – 200 Meter“. Diesmal keine Diskussion: klare Mehrheit für einen Zwischenstopp. Der Wegweiser führt uns zur „Rhöner Eismanufaktur“ – ein Mekka für alle Eisbecher-Fans und während der Schulferien anscheinend der Place to be für die gesamte Region. Entsprechend quirlig geht es hier zu. Großartige Eisbecher werden über die Theke gereicht. Ich schwanke zwischen Himbeere und Heidelbeere und nehme dann doch einfach beides, begraben unter einem riesigen Berg Schlagsahne. So also schmeckt die Rhön? Dann will ich einfach hierbleiben und jeden Tag Eis essen!
In Dermbach werden wir noch viele weitere kulinarische Highlights der Rhön kennenlernen – aber dazu später. Erst einmal wollen wir ganz hoch hinaus in den Sternenpark Rhön, um dort eine Nacht in einer besonderen Behausung und fast unter freiem Himmel zu verbringen.
Wachturm am Grünen Band
„Die Butzen sind fertig, werden aber noch nicht vermietet“, sagt Nils Hinkel von der Biosphärenreservatsverwaltung. „Aber ich frag mal nach, ob ihr schon da schlafen könnt.“ Yeah – wir dürfen! Butze ist ein anderes Wort für Bude. Entsprechend bescheiden sind die Erwartungen an unsere Behausung für diese Nacht im Sternenpark. Und so ganz leicht zu finden sind die Butzen auch nicht. „Die stehen direkt am Wachturm, könnt ihr gar nicht verfehlen“, hieß es. Aber: Wo ist der Wachturm? Wir hatten einen langen Radeltag, der letzte große Anstieg hoch auf den Horbel war nicht ohne. Wir sind müde und hungrig und fahren erst mal vorbei an der richtigen Abzweigung. Nochmal zurück, raus aus dem Wald und ein Stückchen die Wiese hinunter: Dann sehen wir den Wachturm und vor allem eine unfassbar schöne Aussicht über die Bergkuppen der Rhön. Die Butzen, stylische Holzkonstruktionen auf Stelzen, zeigen sich erst auf den zweiten Blick. Sie liegen unterhalb des Wachturms hinter Bäumen und Büschen verborgen.
Wir sitzen auf der Aussichtsbank, kommen langsam zur Ruhe und genießen die Abendstimmung. Schaut man über das Tal und die benachbarten Bergkuppen, über Wald und Weiden, über üppiges Grün und in endlos blauen Himmel deutet nichts auf die harte Geschichte und die vielen persönlichen Schicksale hin, die diese Region erlebt hat. Robert Leutbecher ist hier nahe der ehemaligen Grenze in Empfertshausen aufgewachsen. Der 500-Einwohner-Ort, den wir auf unserem Weg bergauf gequert haben, ist bekannt als Schnitzerdorf. Hausberg von Empfertshausen ist der Horbel. Mit 665 Metern Höhe gehört der Horbel zwar – zu unserem Glück – nicht zu den höchsten Bergen in der Rhön. Er bietet aber einen fantastischen Rundblick über das „Grüne Band“, das Gebiet entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, das hier zwischen Bayerischer und Thüringischer Rhön verläuft. Kein Zufall also, dass der Wachturm am Horbel mit bestem Blick über die gesamte Region einer der zentralen Überwachungspunkte der DDR-Grenzsicherung war.
Leutbecher ist bei der Feuerwehr in Empfertshausen. Er besitzt nicht nur den Code für die Butzen, sondern auch den Schlüssel für den Wachturm. Nachdem keiner das Gebäude so richtig haben wollte, hat die lokale Feuerwehr Interesse angemeldet und das Gelände inklusive Turm und Picknick-Areal gepachtet. „Die Idee für die Butzen als Übernachtungsmöglichkeit kam erst später dazu“, erzählt Leutbecher. Über eine Förderung des Biosphärenreservats konnten die stylischen Holzhäuschen nach mehreren Anläufen umgesetzt werden. Der Architekt hat jede der drei Butzen, die unterhalb des Wachturms stehen, individuell konzipiert und ans Gelände angepasst. Wenn man nicht weiß, dass sie da sind, fallen sie kaum auf, so unauffällig schmiegen sie sich in die Landschaft. Erst wenn man die Tür öffnet, sieht man die breite Schlaffläche und die drei Meter breiten und zwei Meter hohen Glasscheiben, durch die man das gesamte Landschaftspanorama und natürlich den nächtlichen Sternenhimmel ungefiltert erleben kann.
Der Feuerwehrmann nimmt uns mit auf die Aussichtsplattform oben auf dem Wachturm und beginnt zu erzählen. Es ist nicht leicht, den Blick auf den wolkenlosen Abendhimmel und den spektakulären Sonnenuntergang zusammenzubringen mit dem Wissen über die langjährige Nutzung dieses Ortes. Rund um die Uhr war der Turm mit bewaffneten Grenzern besetzt. Manch einer von ihnen wird auch den Ausblick genossen haben, aber Hauptaufgabe war die Überwachung und die Jagd auf die Menschen, die es gewagt haben, sich der Grenze zu nähern.
Abendstimmung wie im Disney-Film
Irgendwann bereiten wir dann doch unser Schlaflager direkt hinter der großen Glasfront. Der Mond verschwindet langsam hinter den Rhön-Kuppen, das letzte Rot des Sonnenuntergangs färbt den Horizont, immer mehr Sterne erscheinen am Himmel. Direkt über uns steht der Große Wagen. Fledermäuse schießen vorbei, und unter uns im Gebüsch haben sich jede Menge Glühwürmchen zum Flirten verabredet.
Wenn es ein Disney-Film wäre, würde jetzt der Abspann kommen. Stattdessen schlafe ich ein. Dank der geschlossenen Holzkonstruktion hält uns die Butze trotz des abkühlenden Nachtwinds kuschlig warm. Am nächsten Morgen wachen wir mit der Sonne auf. Beim Blick übers Tal können wir den Weg ahnen, dem wir später folgen werden. Aber zuerst genießen wir noch ein bisschen diesen einsamen Ort mitten in der Natur und ein Mini-Frühstück mit Apfel, O-Saft und Keksen aus der Fahrradtasche. Wir haben es nicht eilig, denn heute wird es für uns ausschließlich bergab gehen. Gemütlich rollen wir durch Empfertshausen und Zella zurück nach Dermbach, wo wir uns mit einem ganz besonderen Event für die Anstrengungen und Erlebnisse der letzten Tage belohnen: einem Acht-Gänge-Sterne-Überraschungsmenü in der Rhöner Botschaft.
Die Rhön hat eine Botschaft
Michelle und Björn Leist haben die Rhöner Botschaft vor sieben Jahren geschaffen – einen Genussort, der eng mit dem Biosphärenreservat und seinen Menschen verbunden ist. Man ahnt, wie viel Leidenschaft, Liebe und Arbeit es braucht, um diese Erfolgsstory Tag für Tag neu zu schreiben. Björn ist ein richtig guter Koch. Schon bevor er hier nach Dermbach kam, hatte er sich einen Michelin-Stern erkocht. Inzwischen kann er auch einen grünen Michelin-Stern vorweisen – verliehen für besonderes Engagement für Regionalität und Nachhaltigkeit. Aber es gehört mehr dazu, als gut kochen zu können, um hier mitten in der thüringischen Rhön ein Sterne-Restaurant zu betreiben.
Der Sächsische Hof, in dem die beiden Rhöner Botschafter ihr zuhause gefunden haben, ist der klassische repräsentative Dorf-Gasthof: zentrale Lage, prunkvolles Fachwerk, Biergarten unter alten Bäumen. Auch diese geschichtsträchtige Immobilie ging nach der Wende von Hand zu Hand, bis schließlich eine Immobilienfirma die mehrfach begonnene aufwendige Sanierung zu Ende führte und einen Pächter mit Potenzial suchte. „Das Haus hat uns gefunden“, sagt Michelle. Man kann das nur als großes Glück für Dermbach und das Biosphärenreservat bezeichnen. Denn die Rhöner Botschaft zeigt alles, was die Rhön kulinarisch so kann. Außerdem bringt sie Gäste in die Region, die landschaftlich höchst attraktiv, aber touristisch noch wenig erschlossen ist.
Molekulare Küche wie bei Oma
Michelle führt uns an unseren Tisch im Gourmet-Restaurant BjörnsOx – eines von zwei Restaurants im Haus. Wer die Rhöner Köstlichkeiten aus Leists Küche gerne à la carte und etwas hemdsärmeliger genießen möchte, geht ins „WohnZimmer“ mit Biergarten. Wer das Außergewöhnliche sucht – und bereit ist, dafür etwas tiefer in die Tasche zu greifen – entscheidet sich für BjörnsOx, das einzige Restaurant in der Rhön, das mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet ist.
Das Ambiente passt zum historischen Gasthof: kleine Holztische, gemütliche Sitzecken, Kerzenleuchter. Hier steht der Gast im Mittelpunkt und nicht das Design. Und auch der erste Blick in die bibeldicke Weinkarte zeigt: Hier geht es nicht um Status und große Namen, sondern um innovative Winzer*innen und natürlich um die Rhön. „Diesen Wein gibt es eigentlich gar nicht“, klärt uns Michelle auf. „Die Rhön ist nicht als Weinanbaugebiet zugelassen. Hier darf offiziell gar kein Wein hergestellt werden.“ Eine Ausnahme macht es möglich: In Zusammenarbeit mit der Universität Würzburg haben junge Winzer*innen auf den kalkigen Böden und unter dem sonnigen Himmel der Rhön den RhöWie geschaffen. Leicht, kristallin und dennoch fruchtig überzeugt uns schon dieser erste Weißwein des Abends.
Statt des erwarteten kleinen Grußes aus der Küche, liefert sie gleich ein ganzes Sortiment an Köstlichkeiten: Rhön-Forellen-Bällchen, Leber in dunkler Schokolade, ein Mini-Mettbrötchen in knackiger Hülle. Wir lassen uns verzaubern von so viel Kreativität und genießen jede Geschmacksnuance.
Der furiose Auftakt verspricht nicht zu viel: Jeder weitere der acht versprochenen Überraschungs-Gänge – irgendwann hören wir auf zu zählen – ist eine Augenweide. „Ich koche das, was ich auch selbst gerne esse“, sagt Björn Leist. Dabei spielt er bei der Menügestaltung auch immer wieder mit bekannten Gerichten wie Soljanka, Hühnerfrikassee, Schaschlik oder Königsbergerklopsen – Lieblingsgerichte aus der Kindheit, die Leist allerdings sehr aufwendig variiert, mit Elementen der molekularen Küche anreichert und als kleines Kunstwerk auf oder in die Teller bringt.
Menschen gestalten Naturlandschaften
Viele der verwendeten Zutaten stammen direkt aus dem Biosphärenreservat, von Obst- und Gemüsehöfen, Käsereien, Fischzuchtbetrieben oder Metzgern, die hier ganz besondere Produkte in höchster Qualität herstellen. Das köstliche Schwarzbrot, das wir schon zum Aperitif bekommen haben, stammt aus der Traditionsbäckerei Zobel, die seit 1729 direkt um die Ecke residiert. Hier wird nicht nur Brot verkauft. Die Bäckerei ist Tante Emma-Laden, Umschlagplatz für Neuigkeiten und Kontaktpunkt für alle, die neben einem Kaffee auch ein bisschen Ansprache brauchen.
Ob Buchenwälder, Flussauen oder offenen Bergkuppen – neben der jeweils ganz eigenen Landschaft macht auch das die Nationalen Naturlandschaften aus: Das Zusammenspiel der vielen Menschen, die hier zuhause sind und sich gegenseitig dabei unterstützen, dieses Naturerbe zu erhalten und in Wert zu setzen.
Wenn Michelle Leist ihre Sommeliers- und Gastgeberinnen-Rolle hinter sich lässt, ist sie Sternenparkführerin im UNESCO Biosphärenreservat Rhön. Dabei schaut sie nicht nur in den Himmel: „Wir sind vielleicht die letzte Generation, die noch Glühwürmchen erleben kann“, sagt sie. „Es ist mir ein Anliegen, den Gästen zu vermitteln, welche Schätze wir gerade noch hier im Biosphärenreservat haben und wie wichtig es ist, verantwortungsvoll damit umzugehen.“
Dieser Beitrag ist entstanden in Zusammenarbeit mit der Thüringer Tourismus GmbH