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Ein Wanderer springt auf einem Felsvorsprung in die Höhe

Die Kluft zwischen nachhaltiger Haltung und tatsächlichem Verhalten von Konsument*innen ist groß. / © Unsplash

Die Kluft zwischen Anspruch und Realität: der 'Say-Do Gap'

Beim Thema Nachhaltigkeit klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander – Reisende sagen das eine, buchen aber oft das andere. Eine britische Studie von WTTC und YouGov beleuchtet die Hintergründe.

Viele Menschen wünschen sich, umweltbewusster zu reisen – doch bei der Buchung gewinnt oft das günstigste oder bequemste Angebot. Studien zeigen: Die Kluft zwischen nachhaltiger Haltung und tatsächlichem Verhalten ist groß. Diese Diskrepanz zwischen dem, was Menschen sagen, und dem, was sie tatsächlich tun, beschreibt der sogenannte „Say-Do Gap“. 

Laut dem Bridging the Gap Report (WTTC & YouGov, 2025) bezeichnen sich über 60 Prozent der Befragten als umweltbewusst, doch nur rund 20 Prozent berücksichtigen Nachhaltigkeit bei ihren Reiseentscheidungen. Ein Muster, das auch andere Studien bestätigen – darunter der Bericht Nachhaltigkeit bei Urlaubsreisen 2024 des Umweltbundesamts. So geben zwei Drittel der Deutschen an, Nachhaltigkeit bei Reisen positiv gegenüberzustehen, aber nur bei 3 % der Urlaubsreisen (länger als fünf Tage) war Nachhaltigkeit das ausschlaggebende Buchungskriterium, und bei 17 % ein Aspekt von mehreren. 

Warum Anspruch und Realität so weit auseinander liegen

  • Preis und Bequemlichkeit haben Vorrang
    Selbst engagierte Zielgruppen wie die „Hopeful Worriers“ (siehe rechte Spalte) aus der WTTC-Studie setzen Nachhaltigkeit erst an dritter Stelle nach Kosten und Qualität. Bei den skeptischeren Gruppen wie den Climate Change Agnostics ist sie praktisch bedeutungslos. Der finanzielle Aufwand und die vermeintlich geringere Auswahl nachhaltiger Angebote bremsen den guten Willen aus.
  • Fehlendes Vertrauen und unklare Informationen 
    Laut einer Studie von Trip.com wissen 43 % der Befragten nicht, was eine nachhaltige Reiseoption überhaupt bedeutet; 27 % empfinden Nachhaltigkeitslabels als zu unübersichtlich. Wenn Glaubwürdigkeit fehlt, fällt es schwer, bewusste Entscheidungen zu treffen.
  • Verantwortung wird bei anderen gesehen
    Die große Mehrheit der Reisenden sieht die Hauptverantwortung für mehr Nachhaltigkeit bei den großen Unternehmen und der nationalen Regierung. Knapp drei Viertel fordern hier aktives Handeln. Individuen schreiben sich selbst zwar auch eine Rolle zu, erwarten aber vor allem von Institutionen, dass sie den Rahmen für nachhaltiges Verhalten schaffen.
  • Fehlender persönlicher Nutzen
    Menschen handeln nachhaltiger, wenn sie den direkten Vorteil spüren – etwa Gesundheit, Komfort oder finanzielle Ersparnis. Bleibt Nachhaltigkeit moralisch, aber abstrakt, verliert sie an Überzeugungskraft.

Informationsquellen und Verhaltensänderungen

Die meisten Menschen beziehen ihr Wissen über Nachhaltigkeit aus klassischen Medien wie Fernsehen und Zeitungen. Besonders engagierte Gruppen suchen zusätzlich aktiv im Internet nach Informationen. Auffällig ist jedoch, dass ein Teil der Bevölkerung nach eigenen Angaben noch nie etwas zu diesem Thema wahrgenommen hat.
Trotz dieser Unterschiede zeigt die WTTC-Umfrage, dass Informationen durchaus wirken können: 43 Prozent der Befragten haben aufgrund von Nachhaltigkeitsberichterstattung ihr Verhalten geändert, die Mehrheit davon dauerhaft. Am aktivsten sind die Hopeful Worriers, von denen fast 70 Prozent anhaltende Veränderungen vorgenommen haben. Ganz anders die Climate Change Agnostics – sieben von zehn aus dieser Gruppe haben keinerlei Veränderungen vorgenommen.

Das empfiehlt der WTTC-Bericht Tourismus-Unternehmen

Für Unternehmen im Reise- und Tourismussektor bedeutet der Say-Do-Gap: Nachhaltigkeit allein ist selten ein Kaufargument. Erfolgversprechend sind Angebote, die ökonomische Vorteile mit ökologischen verbinden. Nachhaltige Produkte und Services sollten entweder günstiger oder qualitativ so überzeugend sein, dass sie für Kunden attraktiv werden.


Zudem muss Nachhaltigkeit unkompliziert und leicht zugänglich sein – idealerweise als Standardoption, klar und deutlich erklärt. Klar erkennbare Siegel und eine transparente, ehrliche Kommunikation helfen dabei, Glaubwürdigkeit zu schaffen. Belohnungssysteme können helfen, unterschiedliche Kundentypen abzuholen und Schritt für Schritt zu mehr Engagement zu motivieren.

Ebenso wichtig ist es, in der Kommunikation klarzumachen, dass nachhaltiges Handeln nicht nur ökologische, sondern auch wirtschaftliche und sozial positive Effekte hat. Wenn nachhaltiges Reisen emotional und als bereicherndes Erlebnis erzählt wird – statt als moralische Pflicht –, schwindet die Distanz zwischen Wunsch und Tat.

Fazit

Die WTTC-Umfrage verdeutlicht: Nachhaltigkeit wird zwar als wichtig anerkannt, verliert aber im Alltag gegen unmittelbare Sorgen um Kosten und Qualität. Menschen wollen nachhaltiger leben, erwarten aber vor allem, dass Politik und Wirtschaft die nötigen Rahmenbedingungen schaffen. Für Unternehmen eröffnet das die Chance, durch glaubwürdige, einfache und preislich attraktive Angebote die Lücke zwischen Anspruch und Realität zu schließen – und Kunden langfristig für nachhaltige Optionen zu gewinnen.

Ergebnisse der Studie

Die genauen Ergebnisse sowie die Methodologie der im Januar 2025 veröffentlichten Markt- und Konsumierendenstudie des WTTC könnt ihr im Forschungsreport nachlesen, der euch als PDF zum Download zur Verfügung steht.  

Die sechs Konsument*innentypen

Die Studie des World Travel & Tourisme Council (WTTC) und YouGov unter mehr als 10.000 Erwachsenen in Großbritannien zeigt, dass sich Verbraucher grob in sechs Gruppen einteilen lassen. 

  • Hopeful Worriers“: Sehen Nachhaltigkeit als dringend an und sind überzeugt, dass individuelles Handeln etwas bewirken kann.
  • Outward-pointing Worriers“: Halten persönliche Veränderungen für sinnvoll, sehen aber in erster Linie Regierungen und Unternehmen in der Pflicht.
  • Disempowered Environmentalists“: Glauben zwar an den Nutzen nachhaltiger Lebensweisen, fühlen sich aber machtlos, solange Politik und Wirtschaft nicht entschieden handeln.
  • Accountable Optimists“: Sind selbst aktiv und passen ihr Verhalten an, etwa durch Recycling oder Second-Hand-Käufe – Nachhaltigkeit spielt für sie aber ebenfalls nur eine nachgeordnete Rolle beim Konsum.
  • Action Avoiders“: Sehen Nachhaltigkeit und Klimawandel als kaum relevant, andere gesellschaftliche Probleme sind wichtiger.
  • Climate Change Agnostics“: Stellen den Klimawandel in Frage und halten Nachhaltigkeit für teuer und unpraktisch.

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