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Unterwegs im Lake District

Eine Fernwanderung auf dem Cumbria Way im Norden Englands

Echtes Abenteuer, tolle Landschaft und sehr nette Menschen: Den Lake District kann man auch alleine wunderbar erwandern.

Dies ist definitiv eine Schokoladensituation: Zitternd setze ich den Rucksack ab und krame im Außenfach nach dem Cadbury-Riegel. Ich weiß nicht, ob ich mich verirrt habe. Es gibt hier weder Markierungen noch ausgetretene Pfade. Egal, ich muss den Felshang rauf – oder runter. Keine Menschenseele weit und breit. Selbst schuld! Strahlend blauer Himmel und eine fantastische Aussicht über die Seenlandschaft – es hatte so gut angefangen. Doch statt auf dem ausgeschilderten Cumbria Way zu bleiben, konnte ich dem Reiz echter Berge nicht widerstehen.

Die Schokolade hilft. Erst mal tief durchatmen. Dann geht es los: Ich klettere den steilen Felshang sehr vorsichtig bergab. Unten angekommen treffe ich mitten in der Einsamkeit einen Mann, der auf einem Stein sitzt, als würde er auf verlorene Schafe warten. "Die ist ja schon fast historisch", sagt er nach einem Blick auf meine Wanderkarte und rät mir, sie bei nächster Gelegenheit zu ersetzen. Auf seiner Karte zeigt er mir unseren Standort und den richtigen Weg. Als ich mich im Weitergehen ein letztes Mal nach ihm umdrehe, sitzt er immer noch da. Wie ein rettender Engel.

Eigentlich ist das Leben im Lake District ein langer ruhiger Fluss und der Cumbria Way, auf dem man die Region von Süden nach Norden in fünf Tagesetappen durchwandern kann, ein schöner und unproblematischer Fernwanderweg. Der Weg führt über grüne Hügel, an alten Farmhäusern vorbei, durch herausgeputzte historische Städtchen, auf romantischen Pfaden an Bächen und Seen entlang. Pubs und Gartenlokale liegen am Weg und überall trifft man auf freundliche Menschen, die einem gern weiterhelfen. Zwar ist die Gegend ganz und gar touristisch, doch der Tourismus ist höflich und zurückhaltend – typisch britisch eben.

Tee – oder richtigen Tee?

Nun, da ich den Weg wiedergefunden habe, muss ich nur noch über wenige wichtige Fragen nachdenken. Eine davon kommt unweigerlich, als ich im Teahouse einkehre: "Just tea or proper tea?" Der ältere Herr, der in seinem kleinen Gartenlokal direkt am See selbstgebackene Scones und hausgemachte Himbeermarmelade – selbstverständlich mit Sahne – anbietet, ist auf seine zutiefst unkommerzielle Art so unwiderstehlich, dass ich mich für den "proper tea" entscheide, also für die Variante mit Scones und Marmelade. Auch wenn die beim Weiterwandern schwer im Magen liegen wird. "Möchtest du dich nicht zu uns setzen?", fragt ein freundlicher Herr, als ich mit dem gut gefüllten Teetablett einen leeren Tisch ansteuere. Er macht sofort Platz, damit ich mich zu den beiden befreundeten Paaren setzen kann. Sie fragen nach meinen Wanderplänen, und unversehens sind wir mitten in einer Diskussion über die europäische Krise. Was denken die Deutschen, was kommt auf die Briten zu, was ist eigentlich schiefgelaufen ... ? Learning English für Fortgeschrittene. Zum Abschied machen wir Fotos, tauschen Mail-Adressen aus und laden uns gegenseitig ein. "Schreib nichts mit Sex oder so in den Betreff der Mail", sagt Barry, "sonst landet sie im Spam-Ordner." Seine Frau amüsiert sich: "Träum weiter!", spottet sie.

Der Tee ist obligatorisch – doch die Hauptmahlzeit der Fernwanderin ist das Frühstück. Im kleinen Frühstücksraum des B&B Cumbria House in Keswick geht es geschäftig zu. Gastgeberin Mavis serviert jedem Gast ein nach seinen persönlichen Wünschen zusammengestelltes "Full English breakfast" aus gegrillten Tomaten, Pilzen, Würstchen, Bohnen, mehreren Sorten Eiern, Black Pudding und gebratenem Schinken. Sie backt die Brötchen jeden Morgen frisch und sorgt für eine große Auswahl an Müsli, Obst und Bio-Säften. Wer hier kneift, weist sich als Besucher vom Kontinent mit schwachem Magen aus und verzichtet auf eine hervorragende Grundlage für einen anstrengenden Sportlertag.

"Ich treffe mich einmal im Jahr in Keswick mit alten Studienfreunden", erzählt Jake, der am Nebentisch eine riesige Platte mit fettigem Gebratenen verdrückt. "Der Plan ist: wandern, essen, trinken und reden. Seit ein paar Jahren wird das Essen und Trinken immer mehr und das Wandern immer weniger." Keswick bietet genügend Abwechslung für Ausflüge und Abendgestaltung. Daher bleiben die Studienfreunde dem Städtchen treu, auch wenn es schwer ist, Zimmer zu bekommen. Viele der Pensionen sind selbst in der Vorsaison ausgebucht, ebenso die Jugendherbergen in der Umgebung.

Peter, den ich wenige Tage später in der Jugendherberge in Coniston kennenlerne, hat die Unterkünfte für seine Tour auf dem Cumbria Way Monate im Voraus gebucht. Er wandert den Weg mindestens einmal im Jahr, manchmal zwei- oder dreimal zu unterschiedlichen Jahreszeiten. Vor allem der Winter im Lake District hat es ihm angetan. Schnee, die klare Luft und die Ruhe in den Ortschaften faszinieren ihn. Wir sitzen im kleinen Aufenthaltsraum der zur ehemaligen Kupfermine gehörenden Jugendherberge und kommen vom Wandern über Fußball zu Themen wie Fleischproduktion, Massentierhaltung und Eierpreise. Ich bin überrascht, was mein altes Schulenglisch noch hergibt.

Nach einer Woche auf dem Cumbria Way fällt der Abschied von Land und Leuten schwer. Der Taxifahrer, der mich zum Bahnhof bringt, freut sich über meine Begeisterung für seine Region. Als der Betrag auf dem Taxometer höher ausfällt als die Pfund-Reserven in meinem Geldbeutel und der Bankautomat die Scheckkarte verweigert, bin ich ratlos. Doch mein Chauffeur macht sich mehr Sorgen darum, wie ich ohne Geld nach Hause komme. "Es fehlt ja nicht mehr viel", sagt er und nimmt, was ich noch an Pfund habe. Schade, dass es in England unüblich ist, Taxifahrer beim Abschied zu umarmen.

Regine Gwinner