Das Grüne Band: der Iron-Curtain-Trail

Gegen das Vergessen – unterwegs entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze

Der "Iron Curtain Trail" und das "Grüne Band" entlang dem ehemaligen Eisernen Vorhang machen Geschichte erfahrbar – am besten zu Fuss oder mit dem Rad.

Zehn Minuten blieben Jürgen Lange am 30. Mai 1969 für seine weitere Lebensplanung. Gerade hatte sein Unteroffizier, mit dem der damals 18-jährige NVA-Soldat an der deutsch-deutschen Grenze zwischen Thüringen und Franken Wache schob, in den Westen rübergemacht. Und Jürgen Lange hatte nicht geschossen. Es gab also nur noch zwei Möglichkeiten: bestraft werden für seine indirekte Fluchthilfe – oder selbst abhauen und seine Familie möglicherweise nie wiedersehen. Der junge Wehrdienstleistende überwand die Sperranlagen und das Bächlein Muschwitz, lebte anschließend 20 Jahre in Westberlin und ist mittlerweile Brandenburger.

Geschichte erleben

Die Geschichte von Jürgen Lange ist eins von vielen Schicksalen am 1400 Kilometer langen Grenzstreifen, der Deutschland zwischen Travemünde an der Ostsee und dem Dreiländereck an der Grenze zu Tschechien und Österreich teilte. Der grüne Europa-Abgeordnete Michael Cramer will diese Geschichten im wahrsten Sinne des Wortes erfahrbar machen. Seit der Grenzöffnung zwischen Ost und West vor fast 20 Jahren setzt er sich dafür ein, dass der ehemalige Todesstreifen nicht in Vergessenheit gerät. Cramer hat bereits erfolgreich für einen durchgängigen Radweg entlang dem ehemaligen Verlauf der Berliner Mauer gekämpft. Zurzeit engagiert sich der gebürtige Westfale und Wahlberliner für die einheitliche Beschilderung des Deutsch-Deutschen Radwegs, der wiederum das Kernstück eines noch größeren Erinnerungs-Projekts darstellt: des Iron Curtain Trails. Der "Radwanderweg Eisener Vorhang", für dessen Ausbau die EU auf Cramers Vorschlag hin seit 2006 Fördermittel bereitstellt, läuft von der Barentssee an der norwegisch-russischen Grenze bis zum Schwarzen Meer an der bulgarisch-türkischen Küste.

Dem EU-Politiker ist es wichtig, dass kein Gras über die Geschichte des geteilten Europas wächst. Den Deutsch-Deutschen Radwanderweg ist Michael Cramer 2006 selbst abgefahren. Anschließend veröffentlichte er ein Tourenbuch darüber. "Meine vorgeschlagene Route verläuft möglichst nah an der ehemaligen Grenze auf gut zu befahrenden Wegen und integriert viele historische Zeugnisse, beispielsweise Denkmäler, ehemalige Wachtürme und Museen", erklärt Cramer. "Dabei habe ich versucht, die Ost- und die Westseite gleichermaßen zu berücksichtigen." Der studierte Lehrer möchte, dass der Radweg zur "lebendigen Geschichtswerkstatt" wird. Er ist überzeugt davon, dass der historische Aspekt viele Radurlauber in die ehemaligen Zonenrandgebiete bringt.

Todesstreifen wird Lebensraum

Große Abschnitte der Route sind in einem guten Zustand und vielbefahren, weil sie auf beliebten Fernradwegen verlaufen, beispielsweise dem Ostseeküsten-, dem Elbe- oder dem Donauradweg. Michael Cramer vermisst jedoch eine einheitliche Beschilderung, die Touristen auf die historische Bedeutung der Route aufmerksam macht. Er setzt sich deshalb bei der europäischen Radfahrerorganisation ECT dafür ein, dass der Iron Curtain Trail in das Netz europäischer Fernradwege (EuroVélo-Routen) aufgenommen und entsprechend ausgewiesen wird. In spätestens 15 Jahren soll der Weg entlang dem Eisernen Vorhang auf gesamter Länge gut befahrbar und beschildert sein, so ein Wunsch.

2009, anlässlich des 20. Jahrestags der Grenzöffnung, hat Cramer eine Broschüre mit Karten und Wegbeschreibungen zum Iron Curtain Trail veröffentlicht. Dieses Mal ist der EU-Politiker nicht den gesamten Weg selbst abgefahren, sondern hat Kollegen und Freunde gebeten, Teilstrecken durch Skandinavien, das Baltikum und Südosteuropa abzuradeln und zu beschreiben.

Der Radweg entlang dem ehemaligen Eisernen Vorhang führt nicht nur an historischen Zeugnissen vorbei. Er durchquert auch viele Nationalparks und Landschaften, die als ehemalige Sperrzonen nahezu unberührt geblieben sind und vielen bedrohten Tier- und Pflanzenarten Schutz bieten. Der Iron Curtain Trail verläuft durch das Grüne Band Europa. Mit diesem Projekt wollen Naturschutzverbände, allen voran der BUND in Deutschland, den ehemaligen "Todesstreifen in Lebensraum umwandeln" und ihn vor der Zerstörung durch Straßenbau oder Landwirtschaft retten. Schirmherr des Projekts ist der ehemalige Präsident der Sowjetunion Michail Gorbatschow. Durch ihn wird die Bedeutung des Grünen Bandes nicht nur für den Naturschutz unterstrichen, sondern auch als Symbol der Vereinigung zwischen Ost und West.

Der ehemalige NVA-Soldat Jürgen Lange verspürt Erleichterung, wenn er über die jüngste deutsche Geschichte nachdenkt. Seine spontane Entscheidung für ein Leben im Westen hat ihn eben nicht für immer von seiner Familie getrennt. "Wenn mir vor 25 Jahren jemand gesagt hätte, dass ich in ein paar Jahren mit dem Fahrrad über die Grenze fahr, hätt ich gesagt, das glaub ich nicht", erzählt er. Wer den deutschen Abschnitt des Iron Curtain Trails entlangfährt, wird an Jürgen Langes Schicksal erinnert – und an das vieler seiner Zeitgenossen. In seiner Broschüre "Deutsch-Deutscher Radweg" beschreibt Europa-Politiker Michael Cramer auch immer wieder Fluchtgeschichten – mit gutem und mit tödlichem Ausgang.

Kirsten Lange, 2012

Mehr Informationen

Das Tourenbuch "Deutsch-Deutscher Radweg" ist erhältlich im Verlag Esterbauer für 15,90 Euro, auch auf englisch.

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Für die Reiseplanung

Sehenswürdigkeiten

Sehenswürdigkeiten an der Strecke sind unter anderem die Ruinen der Eisenbahnbrücke bei Dömitz an der Elbe, das Museum Schifflersgrund im hessischen Bad Sooden-Allendorf, wo alte Grenzanlagen zu besichtigen sind, und das geteilte Dorf Mödlareuth an der bayerisch-thüringischen Grenze, durch das damals eine Mauer verlief und das heute weiterhin unterschiedliche Telefonvorwahlen, Autokennzeichen und Bürgermeister hat.
Mehr Infos:

www.michael-cramer.eu

www.ironcurtaintrail.eu

Radtouren zur Mauergeschichte Der Berliner Reiseveranstalter Travelxsite bietet Radtouren zur Mauergeschichte in Berlin an. Mauergedenkstätte, Zeitzeugenberichte, Wachtturm und viele Fotos lassen Geschichte lebendig werden. Ideal auch für Schulklassen.